Wie funktioniert ein Objektiv?

Welches Objektiv wofür?

Kurzfassung

Weitwinkelobjektive

  • haben "mehr" Schärfentiefe,
  • haben "mehr" Räumlichkeit,
  • sind auch mit längeren Zeiten aus der Hand zu "halten".
  • Teleobjektive
  • haben "selektive" Schärfentiefe,
  • haben eine grafischere Wirkung,
  • brauchen oft ein Stativ,
  • können entfernte Objekte "verbinden".

  • Je nach Verwendungszweck und Aufgabenstellung können Sie unter verschiedenen Brennweiten (und damit, falls Sie kein Zoom objektiv benutzen, Objektiven) wählen.
    In erster Linie werden Sie entscheiden müssen, ob sich das gewünschte Bild besser mit einem Weitwinkel- oder einem Teleobjektiv erreichen lässt. Dazu müssen Sie sich mit den Eigenschaften der unterschiedlichen Brennweiten auskennen.

    Ausführlich:

    Weitwinkel kontra Tele
    Weitwinkel haben die Tendenz, im Gegensatz zu Teleobjektiven den Eindruck der räumlichen Tiefe im Bild zu verstärken. Wenn Sie ein Motiv in seinem Umfeld fotografieren, wird es in einer Aufnahme mit Weitwinkelobjektiv deutlicher von seinem Hintergrund getrennt oder entfernt wirken, als wenn Sie es mit einem Teleobjektiv fotografieren. Das ist einer der Gründe für den verstärkten Eindruck der Räumlichkeit. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Sie fotografieren eine Person vor einem Haus. Für die erste Aufnahme benutzen Sie ein Weitwinkel, für die zweite ein Tele. Die Person soll in beiden Aufnahmen gleich groß erscheinen, deshalb müssen Sie im ersten Fall nah heran, im zweiten aber weiter weg. Dadurch verändert sich das Verhältnis zwischen Vorder- und Hintergrund.
    Beim Weitwinkelbild ist der Hintergrund (die Häuser) viel kleiner als beim Tele, die räumliche Tiefe wird betont.

    Übersicht der Aufnahmesituation

    Bild mit Teleobjektiv

    Bild mit Weitwinkel


    Anhand des obigen Bilderpaares können Sie die unterschiedliche Wirkung des Hintergrunds beobachten. Der Standort des Vordergrundmotivs, der Großformatkamera auf dem Stativ , war bei beiden Bildern unverändert. Es wurden lediglich die Brennweite und der Aufnahmestandpunkt geändert.


    Perspektive?
    In vielen Lehrbüchern werden Sie zum Thema Brennweite und Perspektive den Hinweis finden, dass die Perspektive nur vom Aufnahmestandort, nicht aber von der Brennweite abhängig ist. Untermauert wird diese Sicht dann oft mit Beispielbildern, bei denen ein Ausschnitt eines Weitwinkelbildes so stark vergrößert wurde, dass er dem Telebild entspricht.

    Zwei Aufnahmen vom selben Standpunkt aus, links Weitwinkel, rechts Tele (etwas später bei anderem Sonnenstand) und in der Mitte eine passende Ausschnittvergrößerung des Motivbereichs der Teleaufnahme aus dem Weitwinkel.
    Abgesehen von Unterschieden in der Auflösung sind dann beide Bilder gleich, sie zeigen die gleichen Details in den gleichen Relationen zueinander. Doch was ist damit tatsächlich bewiesen? Das Bilderpaar zeigt ja nur, dass so ein Bild mit einem engen Bildwinkel aussieht, wie ein Bild mit einem engen Bildwinkel eben aussieht. Ob dieser enge Bildwinkel bereits bei der Aufnahme oder erst später bei der "Vergrößerung" erzeugt wurde, ist unerheblich. (Es macht sich aber in der Qualität des Bildes bemerkbar, weil z. B. Körnung und Rauschen ebenfalls vergrößert werden.)
    Viel interessanter ist aber doch, dass trotz gleicher Aufnahmeposition und damit gleicher Lage der Motivdetails zueinander die räumliche Wirkung des (unbeschnittenen) Weitwinkelbildes meist ganz anders ist als die des Telebildes. Und im landläufigen Sinne scheint diese räumliche Wirkung ebenfalls mit dem Begriff Perspektive assoziiert zu werden.

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    Doch woher kommt diese räumlichere Wirkung des Weitwinkelbildes (trotz desselben Aufnahmestandortes)? Wenn wir uns eine Aufnahmesituation vorstellen, bei der vom selben Standpunkt aus drei nebeneinander befindliche Quader (z. B. Garagen) fotografiert werden sollen, so sieht das, etwas vereinfacht, von oben gesehen so aus:

    Übersicht der Aufnahmesituation

    Die Kamera sieht vom selben Standpunkt aus bei der Teleaufnahme (gelber Winkel) nur das Tor der mittleren Garage, beim Bild mit großem Aufnahme- bzw. Bildwinkel (rot) dagegen auch die Tore und (in diesem Zusammenhang besonders interessant) vor allem auch die Seitenflächen der benachbarten Garagen.
    Was ist an diesen Seitenflächen nun wichtig? Ein Vergleich der Bildergebnisse der beiden Aufnahmen macht das deutlich.
    Teleaufnahme

    Weitwinkelaufnahme

    Die Fluchtlinien, die im Telebild nicht sichtbar sind.

    Auf dem Telebild sieht man nur das Tor der mittleren Garage, welches aber viel größer abgebildet ist als im Weitwinkelbild. Im Weitwinkelbild sieht man alle drei Tore und vor allem auch die Seitenflächen der äußeren Garage abgebildet.

    Die Tore der Garagen, die auf beiden Bildern sichtbar sind, geben uns keinerlei Informationen über die Tiefe des abgebildeten Raumes. Die sichtbaren Seitenflächen im Weitwinkelbild dagegen erzeugen den Eindruck räumlicher Tiefe. Das liegt an den Fluchtlinien, die sich anhand dieser Seitenflächen konstruieren lassen. Diese Fluchtlinien lassen den Betrachter die räumlichen Zusammenhänge erahnen. Sie sind wichtige Anhaltspunkte für die Tiefenwirkung eines Bildes.

    Solche Fluchtlinien tauchen natürlich je nach Blickwinkel (also z. B. bei schräger Ansicht einer Garage) auch bei den engen Bildwinkeln der Teleobjektive auf, sind aber bei Weitwinkelbildern in der Regel häufiger vorhanden und dramatischer in der Wirkung.

    Wenn Sie also räumliche Tiefe darstellen wollen (beispielsweise in einer Landschaftsaufnahme), könnten Sie ein Weitwinkelobjektiv be – nutzen. Der Betrachter wird dann quasi in das Bild hineingezogen, er nimmt teil an dem Bild und ist mitten im Geschehen. Ein solches Bild muss aber, damit es richtig wirkt, größer gezeigt werden. Auf 10 x15- Vergrößerungen wirken Weitwinkelbilder meist nicht so gut.

    Ein anderer Faktor, der die Wahl der Brennweite beeinflussen kann, ist die mit der jeweiligen Brennweite mögliche Schärfentiefe (nächstes Kapitel). Weitwinkel haben, bei gleichem Aufnahmeabstand und gleicher Blende, eine größere Schärfentiefe als Teleobjektive.

    Doch Vorsicht! Wenn Sie den Abstand ändern, um Ihr Hauptmotiv gleich groß abzubilden (also so wie im ersten Beispiel), ist die Schärfentiefe , bezogen auf das fokussierte Motivdetail, bei beiden Objektivtypen gleich groß. Allerdings werden die Hintergrunddetails – und damit auch die Unschärfe – beim Weitwinkel ja kleiner abgebildet; die Unschärfe scheint dadurch nicht so stark zu sein wie beim Teleobjektiv.

    Der Weitwinkelhintergrund wird dem Betrachter schärfer und so die Schärfentiefe größer vorkommen.

    Bei Weitwinkelobjektiven ist außerdem die Gefahr, ein Bild durch unbeabsichtigte Bewegung der Kamera zu verwackeln , geringer als bei Teleobjektiven, man kann sie mit längeren Belichtungszeiten einsetzen - ein wichtiger Unterschied.


    Tipp

    TIPP
    Warten Sie mit Ihren Bildern nicht auf "das" Objektiv, das Sie noch nicht besitzen.
    Arbeiten Sie mit dem, was Sie haben. Ich erinnere mich an Kursteilnehmer, die immer eine riesige Fototasche dabei hatten, aber nie fotografierten. Auf die Frage, warum das so sei, antworteten sie, dass sie gerne fotografieren würden, aber dafür fehle ihnen dieses oder jenes Objektiv. So kann man keine Bilder machen.

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