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Schärfentiefe und mehr

Kurzfassung

Die Schärfentiefe ist der Entfernungsbereich im Motiv, dessen Details im späteren Bild noch nicht als unscharf erkennbar sind.

Ausführlich:

Wenn Sie hier "quer einsteigen" und sich mit dem Themenbereich Fokussieren noch nicht beschäftigt haben, sollten Sie zuerst die vorhergehende Seite lesen.

Der Bereich des Motivs, der scharf (oder besser: noch nicht erkennbar unscharf) abgebildet wird, zieht meist die größte Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Über die Verteilung und Ausdehnung der Schärfentiefe kann der Fotograf also die Blicke steuern.
Mit großer Schärfentiefe kann er den Motivdetails verbinden, die eigentlich räumlich weit getrennt sind. Und mit starker Unschärfe außerhalb des Bereichs kann er störende Motivdetails quasi verstecken.
Es ist deshalb für einen Fotografen natürlich wichtig, zu wissen, wie man die Schärfentiefe beeinflussen kann.

Mit der Schärfentiefe kann man den Blick des Betrachters auf Motivdetails steuern.

Die Schärfentiefe ist prinzipiell abhängig von

  • der Aufnahmeentfernung (je näher, desto weniger)und der Blende (je weiter auf, desto weniger)
  • der Sensor- oder Filmgröße (je kleiner, desto mehr)
  • von der Brennweite (je kürzer, desto mehr)
  • und natürlich auch von dem Abstand, aus dem wir später das Bild betrachten wollen (je näher am Bild, desto stärker sieht man evtl. Unschärfe).

Schärfentiefe, was ist das?

Eigentlich kann mit einer Linse bzw. einem Objektiv nur ein mehr oder weniger enger Entfernungsbereich scharf abgebildet werden, die Bereiche davon oder dahinter werden mehr oder weniger unscharf.
Sehen wir uns noch einmal die schematische Abbildung einer Linse mit Blende an.

Die Größe der Unschärfekreise wird in dieser Illustration nur durch die Blende bestimmt.

Zu nah oder zu fern liegende Motivbereiche werden in Form von Zerstreuungskreisen wiedergegeben. Je größer der Abstand zur fokussierten Entfernung, desto größer werden diese. Wenn die Zerstreuungskreise zu groß werden, werden die entsprechende Details im Motiv unscharf abgebildet.
Durch eine Verkleinerung der Blendenöffnung schrumpfen die Zerstreuungskreise (siehe Abbildung oben) und dadurch erscheinen Objekte, die sich vor oder hinter der Schärfeebene befinden, schärfer.
Es kommt zu einer wachsenden Ausdehnung der als scharf empfundenen (also noch nicht sichtbar unscharfen) Bereiche nach vorne und hinten in die Bildtiefe, zur Schärfentiefe.

Da das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges begrenzt ist, kann man eine maximale Größe der Zerstreuungsscheibchen angeben, bis zu der das Bild vom normalen Betrachter (und aus normaler Betrachtungsentfernung) als scharf empfunden wird. Aus dieser Distanz sehen die unscharfen Scheibchen noch wie scharfe Punkte aus.

Die meisten Menschen nehmen, wenn sie sich ein Bild ansehen wollen, eine Entfernung ein, die ungefähr der Bilddiagonale entspricht. Dann ist man soweit entfernt, dass man man das Bild in seinen gestalterischen Zusammen hängen noch ganz erfassen kann, ist aber andererseits noch so nah, dass man auch Details erkennen kann.
Bei einem großen Bild ist man also weiter entfernt, bei einem kleinen ist man näher dran.

Unterschiedliche Aufnahmeformate, also unterschiedliche Film- oder Sensorgrößen, müssen unterschiedlich stark vergrößert werden, um die gleiche Bildgröße zu erreichen.

Dadurch werden auch die Zerstreuungskreise unterschiedlich stark erkennbar. Für jedes Aufnahmeformat gibt es deshalb eine Maximalgröße für die Zerstreuungskreise, damit sie im späteren Bild noch als (scharf wirkender) Punkt erscheinen.

Bei Kleinbildfilm oder Vollformatsensoren beträgt dieser maximale Zerstreuungskreis z.B. 0,03 mm.

Durch kleinere Blendenöffnungen werden die Zerstreuungskreise kleiner (siehe Abbildung oben) und dadurch erscheinen Objekte, die sich vor oder hinter der Schärfeebene befinden, schärfer. Es kommt zu einer wachsenden Ausdehnung der Schärfe in die Bildtiefe, zur Schärfentiefe.

Aber Vorsicht mit dem Abblenden, es kann, wenn man zu stark abblendet, zur Beugungsunschärfe kommen, die zu einem insgesamt unschärferen Bild führt. (Viele Objektive haben ihre beste Leistung, wenn sie im mittleren Blendenbereich benutzt werden.)

01

Was beeinflusst die Schärfentiefe

Die Schärfentiefe wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, u.a. von:

  • der Aufnahmeentfernung (je näher, desto weniger Schärfentiefe)
  • der Blende (je weiter auf, desto weniger Schärfentiefe)
  • der Sensor- oder Filmgröße (je kleiner, desto mehr Schärfentiefe)
  • von der Brennweite (je kürzer, desto mehr Schärfentiefe)
  • von dem Abstand, aus dem wir später das Bild betrachten wollen (je näher am Bild, desto stärker sieht man evtl. Unschärfe)

Die meisten dieser Faktoren können wir zumindest bei der Aufnahme allerdings kaum beeinflussen.

  • Die Aufnahmeentfernung ist wichtig für die Größenverhältnisse unterschiedlich weit entfernter Motivdetails.
  • Die Brennweite bestimmt den aufgenommen Motivausschnitt.
  • Die Sensorgröße ist fester Teil der Kamera.
  • Und der Abstand, aus dem der Betrachter das Bild später ansieht, liegt i.d.R. außerhalb unseres Einflusses.
Deshalb bleibt zur Steuerung der Schärfentiefe eigentlich nur die Blende übrig.
Je weiter (bei sonst unveränderten Werten) die Blende geschlossen wird, desto kleiner werden die Unschärfekreise. Irgendwann sind sie so klein, dass sie auf dem Foto bei Betrachtung aus einer gewissen Distanz nicht mehr als Kreise, sondern als Punkte wahrgenommen werden. Die Abbildungen erscheinen dann scharf.

Die maximale Größe, die die Zerstreuungskreise haben dürfen, um noch scharf zu erscheinen, kann man errechnen. Dabei geht man davon aus, dass ein Bild aus einer Entfernung betrachtet wird, die seiner Diagonale entspricht.

Um ein Bild in beispielsweise 24 x 30 cm zu erhalten, müssen unterschiedlich große Aufzeichnungsmedien unterschiedlich stark vergrößert werden. Das Bild wird dann bei diesem Beispiel aus etwa 40 cm (Bilddiagonale) betrachtet werden.

Die Zerstreuungskreise sollten in dem Bereich, der „schärfentief“ werden soll, auf keinem Fall sichtbar werden. Da kleinere Aufnahmeformat stärker vergrößert werden müssen, müssten sie dann kleiner sein.
Aus diesem Grund verwendet man für die unterschiedlichen Aufzeichnungsmedien auch unterschiedliche Größen der maximal "zulässigen" Zerstreuungskreise.

Die spätere Bildgröße dagegen spielt keine Rolle. Wenn man von den selben Negativen oder von denselben Bilddateien später größere Vergrößerungen herstellt, so werden die dann auch aus größerer Entfernung betrachtet. Und dann sind die Unschärfekreise genauso wenig wahrnehmbar wie bei einer schwächeren Vergrößerung, die aus kürzerem Abstand betrachtet wird.

Die Zerstreuungskreise sind bei gleicher Größe des Aufnahmemediums also nicht von der gewünschten Vergrößerung abhängig, denn diese wird durch den unterschiedlichen Betrachtungsabstand ausgeglichen.

Die maximale Größe der Zerstreuungskreise auf dem Sensor (oder Film) beträgt für eine scharfe Wahrnehmung des Bildes bei Vollformat (Kleinbild) etwa 0,03 mm. Auf beliebige Größe vergrößert und dann aus dem "normalem" Abstand betrachtet, werden diese Unschärfekreise dem menschlichen Auge immer noch als Punkte erscheinen.

Die anderen Werte

Mit diesem Wissen kann man nun ausrechnen, bei welcher Blende die Abbildung noch scharf erscheint. Dabei muss man dann noch den Aufnahmeabstand, die Größe des Aufnahmemediums und die Brennweite berücksichtigen.

Ein Weitwinkelobjektiv bildet Objekte bei gleicher Aufnahmeentfernung ja kleiner ab als ein Normalobjektiv, also sind die entsprechenden Unschärfekreise bei einem Weitwinkel auch kleiner als bei einem Normalobjektiv. Und umgekehrt ist es bei einem Teleobjektiv .

Auch der fokussierte Aufnahmeabstand hat eine große Auswirkung auf die Ausdehnung der Schärfe im Bild: je näher, desto weniger.

Das Aufnahmemedium wird man zwar kaum wechseln, um die Schärfentiefe zu beeinflussen, aber seine Größe hat starken Einfluss auf die Schärfentiefe. Je kleiner es ist, desto größer ist die Schärfentiefe.

Die Unterschiede werden im Nahbereich am deutlichsten

Und wie weit reicht nun die Schärfentiefe?

Die Schärfentiefe erstreckt sich von einem Punkt vor der eingestellten Entfernung bis zu einem Punkt dahinter. Dazwischen wird alles scharf wirken. Hinter der eingestellten Entfernung ist die Schärfentiefe meist größer als davor. 

Bei Nah- und Makroaufnahmen ist das Verhältnis aber machmal auch anders, die Strecken können da auch etwa gleich lang (1:1) werden.

Vorsicht, seit vielen Jahrzehnten geistert eine falsche Angabe durch die Fotobücher (und heutzutage auch durch Fotoblogs, Foren und Facebookgruppen).
Es wird behauptet, dass das Verhältnis der noch nicht sichtbar unscharfen Bereiche vor und hinter dem Punkt der Schärfe 1:3 betrage, Das stimmt aber so präzise nur für einige Größen- und Abstandsverhältnisse.

Schon allein die Tatsche, dass die Schärfentiefe je nach den Umständen häufig bis “unendlich“ reicht(*), sollte das deutlich klar machen, ein einfacher Blick auf die Skalen und Tabellen reicht dazu eigentlich aus.
Nichtsdestotrotz wird die Mär vom 1:3 immer noch weitergetragen, sie scheint unausrottbar zu sein.

* (Diese Art der Schärfentiefe wird gerade in der Landschaftsfotografie häufig verwendet, siehe auch „hyperfokale Distanz“.)

Leider kann man die Schärfentiefe heutzutage bei aktuellen Fotoapparaten meist nicht so ohne weiteres erkennen. Die meisten Kameras zeigen das Motiv beim Blick durch den Sucher bei ganz geöffneter Blende. Dadurch ist das Sucherbild bei DSLRs heller.
Und auch für Systemkameras und anderen Modellen mit elektronischem Sucher bietet die volle Blendenöffnung Vorteile. Das Sucherbild ist dadurch besser aufgelöst, denn bei geschlossenerer Blende wäre es dunkler und müsste stärker elektronisch verstärkt werden, was zu Rauschen führen würde.

Erst im Moment der Auslösung schliesst sich die Blende dann auf den eingestellten Wert (siehe Springblende), so dass die Schärfentiefe auch erst bei der Auflösung wirksam wird.
Davor und danach sieht man das Motiv aber immer mit ganz geöffneter Blende, also minimaler Schärfentiefe.
Um im im Sucher die Schärfentiefe schon vor der Belichtung zu erkennen, gibt es an vielen Kameras eine Abblendtaste. Sie schliesst die Blende schon vor dem Auslösen.

Die Abblendtaste war an analogen Kameras aus konstruktionsbedingten Gründen meist in der Nähe des Objektivbajonetts. Da findet man sie heute auch noch zumeist, doch im Zeitalter der elektronischen Blendensteuerung kann sie oft auch auf andere Tasten gelegt werden.

Allerdings gibt es dabei auch einen Wermutstropfen, das Sucherbild wird durch das Abmelden deutlich dunkler (bei elektronischen Suchern verrauschter), so das man die Schärfentiefe oft doch nicht so richtig gut beurteilen kann.
Aber es gibt zum Glück andere Möglichkeiten, die Schärfentiefe zu beurteilen.

Bei digitalen Kameras kann man ja ganz einfach das fertige Bild (meist sogar in starker Vergrößerung) inspizieren, um die abgebildete Schärfentiefe zu sehen.
Und auch wenn man schon vor dem Auslösen mehr über die zu erwartende Schärfentiefe Bescheid wissen will, dann geht das mit entsprechenden Hilfsmitteln.

Eine Schärfentiefeskala, wie sie früher die meisten Objektive aufwiesen. Hier an einem Objektiv aus der FD-Baurehe von Canon. Der grüne Punkt zeigt an, dass in dieser Einstellung die Kamera die Blende automatisch wählen kann bzw. muss.

Und wie weit reicht die Schärfentiefe?

Um die Schärfentiefe zumindest gedanklich vorab einschätzen zu können, ist eine Schärfentiefeskala am Objektiv (oder auf dem Display der Kamera) ideal. Leider haben aber immer weniger Objektive eine solche spezielle Vorrichtung.
An der Skala kann man ablesen, zwischen welchen Eckwerten bei der eingestellten Entfernung und Blende etwas im späteren Foto noch nicht als unscharf erkennbar sein wird.

Entfernungsskala

Auf der Skala oben kann man Folgendes ablesen:
  • Eingestellte Entfernung: 5 m
  • Schärfentiefe bei Blende 22: von 2,5 m bis 10 m
  • Schärfentiefe bei Blende 11: von 3 m bis etwa 9 m
  • Schärfentiefe bei Blende 8: von etwa 4 m bis etwa 6 m
  • Der kleine rote Punkt auf der vorhergehenden Abbildung ist übrigens der sogenannte Infrarotindex.
    Infrarotes Licht hat eine andere Brechungsweise als "normales", sichtbares Licht. Deshalb sind die Bildpunkte bei diesem Licht etwas verschoben.
    Wenn Sie mit einer analogen Kamera Infrarotfilm verwenden, müssen Sie nach dem Fokussieren die ermittelte Entfernung auf diesen Punkt übertragen.

    Der kleine rote Punkt auf der vorhergehenden Abbildung ist übrigens der sogenannte Infrarotindex.
    Infrarotes Licht hat eine andere Brechungsweise als "normales", sichtbares Licht.
    Deshalb sind die Bildpunkte bei diesem Licht etwas verschoben.
    Wenn Sie mit einer analogen Kamera Infrarotfilm verwenden, müssen Sie nach dem Fokussieren die ermittelte Entfernung auf diesen Punkt übertragen (bei Autofokuskameras dazu den Autofokus deaktivieren).

    Leider werden, gerade bei modernen Kameras, diese Skalen oft eingespart.
    Oder sie werden, gerade bei Digitalkameras (bewusst?) falsch berechnet, was negative Auswirkungen auf die Bildgestaltung und die Bildqualität hat.
    Mit dem Problem habe ich mich unter " Wo ist die Schärfentiefe hin?"
 intensiver beschäftigt.

    Aber, egal ob die Skala falsch berechnet ist oder ganz fehlt, alternativ können Sie sich für einige Brennweiten und Sensorgrößen meine kostenlosen Schärfentiefeskalen laden und und ausdrucken. 
Diese Rechenscheiben habe ich für den Einsatz unterwegs („Schärfentiefe To Go“ ;-) ) entwickelt, Sie finden sie unter dem folgenden Link zum Download.
    Zu den Schärfentieferechenscheiben

    Bei Youtube gibt es eine kleinen Film von mir, in dem ich erkläre, wie man mit meinen Rechenscheiben (oder den Skalen der Objektive) die Schärfentiefe und die hyperfokale Distanz abliest. Mit einem Klick landen Sie direkt an der entsprechenden Stelle im Video.

    Wenn Sie das Video nicht sehen können, das Vorgehen wird im folgenden auch hier im Text erklärt.

    Die Rechenscheiben gibt es für die vier gängigsten Sensorgrößen (und den Kleinbildfilm) und die gebräuchlichsten Brennweiten. Falls sie für Ihre Brennweiten nicht passen, sollten Sie sich meinen ebenfalls kostenlosen Schärfentieferechner ansehen, der für verschiedene Sensorgrößen die Schärfentiefe für unterschiedliche Aufnahmeentfernungen, Brennweiten und Blenden ausrechnen kann.
    Zum Schärfentieferechner
    (Dieser Rechner war übrigens anscheinend der erste im deutschsprachigen Internet und ist jetzt seit über 20 Jahren in verschiedenen Versionen online)

    Zonenfokus

    Wenn Sie sich die unterschiedlichen Ergebnisse des Rechners oder auf den Tabellen und Skalen einmal ansehen, werden Sie feststellen, dass Sie bei "normalen" Aufnahmeentfernungen mit Blende 8, Blende 11 oder mehr an einem Weitwinkelobjektiv oft fast gar nicht mehr scharf stellen müssen.

    Und je nach Aufnahmesituation werden Sie vielleicht schon vorher wissen, innerhalb welcher Entfernungen sich Ihre Motive bewegen.
    Durch Wahl der passenden Blenden- und Entfernungseinstellung können Sie dafür einen Schärfentiefebereich erzeugen, der diese Entfernungsbereiche dann abdeckt. Das ist das Konzept hinter dem Zonenfokus.

    Diese Rollei 35 hate keinen Entfernungsmesser, man musste also schätzen.
    Aber die Gravur auf dem Objektiv erleichtert das. Bei Blende 11 und einer Einstellung auf ca. 2m reicht die Schärfentiefe immerhin von 1m bis ein Stück hinter 3m.

    Als „Schnappschusseinstellungen“ sind solche Entfernungs-Blenden-Kombinationen auf den Entfernungsskalen vieler älterer Kameras besonders markiert.

    Eine Blende und eine Entfernungseinstellung sind farblich oder anders hervorgehoben. Wenn man diese Einstellungen wählt, wird alles innerhalb einer bestimmten Entfernung (oft z. B. 1,5 m bis 3 m oder 3 m bis unendlich) scharf.

    Mit einer solchen Einstellung brauchen Sie dann nicht mehr zu fokussieren. Selbst wenn Ihre Motive im Sucher (durch die dank Springblende für ein helles Sucherbild weit geöffnete Blende) etwas unscharf aussehen, hinterher auf dem Bild ist alles in Ordnung. 

    Durch diese Methode sind Sie meist schneller als jeder Autofokus. Der versucht ja sehr präzise, um nicht zu sagen pingelig, genau das im Sensorfeld befindliche Objekt exakt zu fokussieren. 

    Und verhindert dabei (je nach Kamera und Einstellung) das Auslösen erst einmal, selbst wenn das Objekt schon innerhalb der Schärfentiefe liegt. Diese Schärfentiefe berücksichtigt die Autofokustechnik bis heute einfach nicht.

    All die verschiedenen Rechner, Skalen und Tabelle haben einen gravierenden Nachteil. Sie sagen Ihnen nicht, wie unscharf etwas wird.

    Sie zeigen zwar sehr präzise auf, von wo bis wo der Bereich geht, in dem eine definierte Größe des Zerstreuungskreises nicht überschritten wird, in dem also das Motiv scharf abgebildet wird. Das ist auch für viele Aufnahmen wichtig.

    Oft ist aber mindestens genauso wichtig, zu wissen, wie stark die Unschärfe im Hintergrund ist. Ist es nur so eben jenseits der Definition für scharf, so dass zwar die letzte Präzision in der Wiedergabe fehlt, aber der Betrachter trotzdem noch viel erkennen kann. Oder ist es sehr stark unscharf, so dass alle Details ununterscheidbar ineinander zerfließen? Gerade bei Porträts, bei denen der Hintergrund durch Unschärfe unterdrückt werden soll, ist das ein wichtiger Unterschied in der Ausprägung der Unschärfe.

    Bei der Verwendung von "Altglas" muss man aufpassen.
    Die Schärfentiefegravuren auf Objektiven sind immer auf die Film- bzw. Sensorgröße der Kameras berechnet, an denen sie ursprünglich eingesetzt werden sollten. Wenn ein Objektiv für den Kleinbildfilm (oder Vollformatsensor) gedacht ist, aber an kleineren Sensoren eingesetzt wird, stimmen diese Angaben deshalb nicht mehr.
    (Das Bild vom kleineren Sensor müsste stärker vergrößert werden, deshalb würden sonst unsichtbare Unschärfen sichtbar werden.)
    In dem Fall können meine kostenlosen Rechenscheiben für die Schärfentiefe helfen. Diese gibt es für verschiedene Brennweiten und die gängigsten Sensorgrößen.

    Hyperfokale Distanz

    Im Zusammenhang mit dem Zonenfokus und der Schnappschusseinstellung ist auch die hyperfokale Distanz interessant. Bei der Hyperfokaldistanz oder dem Nah-Unendlichpunkt handelt es sich um eine spezielle (je nach Brennweite, Blende und Sensorgröße unterschiedliche) Aufnahmeentfernung. 

    Wenn man auf diese Entfernung fokussiert, reicht die Schärfentiefe gerade eben bis unendlich. Und beginnt in der halben Entfernung der hyperfokalen Distanz.

    Soweit die trockene Definition, mit einem Beispiel kann man das sicherlich besser verstehen.

    Einstellung auf unendlich

    Auf dem Bild oben ist auf unendlich fokussiert. Bei Blende 11 würde die Schärfentiefe von etwa 8m bis "weit hinter unendlich" (wo auch immer das ist) reichen.
    Man kann nun an der Markierung für die verwendete Blende die hyperfokale Distanz ablesen. Bei z.B. Blende 11 beträgt sie 8 m.

    Einstellung auf 8 m, die hyperfokale Distanz

    Wenn man nun auf diese 8m fokussiert, würde alles zwischen 8 m und unendlich scharf abgebildet (weiterhin Blende 11 vorausgesetzt).
    Damit ist dann die maximal mögliche Schärfentiefe bei Blende 11 (für diese Kamera mit dieser Brennweite) eingestellt.
    Bei Wahl einer kürzeren Entfernungen als 8m würde die Schärfentiefe nicht mehr bis unendlich reichen, bei weiter hinten liegenden Entfernungen dagegen nicht so weit nach vorne.

    In diesem Beispiel ist 8m die Hyperfokaldistanz bzw. der Nah-Unendlichpunkt

    Wenn Ihre Objektive keine Schärfentiefeskalen haben, können Sie dazu meine Schärfentieferechenscheiben verwenden oder sich das in meinem Rechner zur Hyperfokaldistanz ausrechnen lassen.

    Schärfentiefe richtig nutzen

    Um auch in anderen Fällen die maximale Schärfentiefe zu nutzen, sollten Sie darauf achten, die Schärfe in den richtigen Entfernungsbereich zu "legen". 

    Bei einer Kleinbildkamera mit 35-mm-Objektiv und einer Einstellung auf 3,5 m wird bei Blende 11 alles von 1,70 m bis unendlich scharf. Wenn Sie nun einen Baum in 10 m Entfernung fotografieren und Sie so viel wie möglich auf dem Foto scharf haben wollen, wäre es verkehrt, auf den Baum in 10m zu fokussieren (wie es z. B. eine Autofokuskamera machen würde). 

    Dann würde die Schärfentiefe nur von 2,50 m bis unendlich (weiter geht ja nicht) reichen. 

    Wenn Sie dagegen auf die oben angegebenen 3,5 m scharf stellen (und die Unschärfe des Baums im Sucher ignorieren), werden auch Motivdetails scharf, die nur 1,70 m entfernt sind (und der Baum natürlich trotzdem).

    Die Grenzen

    Einige Dinge sollten Sie berücksichtigen:

    • Bitte bedenken Sie, dass die Schärfentiefe keine harten Grenzen hat. Es wird, von extrem großen Blendenöffnungen oder sehr langen Brennweiten einmal abgesehen, meist mehr oder weniger sanfte Übergänge zwischen scharf und unscharf geben. 

    • Die Schärfentiefe ist definiert für "normale" Betrachtungsabstände. Wenn Ihre Bilder also sehr stark vergrößert und trotzdem aus der Nähe betrachtet werden sollen, ist die rechnerisch ermittelte Schärfentiefe evtl. zu unscharf für Ihre Zwecke.
    • Natürlich ist die 100% Ansicht am Rechner eine Ansicht einer starken Vergrößerung aus kurzem Abstand. Zum Beurteilen der Schärfe des endgültigen Bildes ist das ungeeignet, es zeigen sich Unschärfen, die später im Bild an der Wand niemand mehr erkennen kann.
    Das ist ein nicht zu unterschätzendes Problem und führt zu unerwünschten Konsequenzen. Ich habe dazu in meinem Blog einen Beitrag verfasst:
    "Warum ich die Schärfentiefe anders berechne..."

    Nicht zu stark abblenden

    Viel Schärfentiefe ist in manchen Situationen sehr nützlich, aber vermeiden Sie es bitte, gewohnheitsmäßig immer auf Blende 16, 22 oder gar mehr abzublenden. "Viel hilft viel" ist hier völlig falsch.

    Wie schon an anderer Stelle erwähnt, haben fast alle Objektive ihr Leistungsoptimum im mittleren Blendenbereich. Zu starkes Abblenden erhöht dann zwar die Schärfentiefe, aber es kann zu Beugungsunschärfen kommen.

    Schärfentiefe dehnen

    In der digitalen Welt gibt es zum Glück praktikablere Methoden als sehr starkes Abblenden, um die Schärfentiefe zu dehnen.

    Beim Fokusstacking werden mehrere Bilder des gleichen Motivs mit unterschiedlicher Entfernungseinstellung bei optimaler Blende aufgenommen. Die Blende wird dann am besten gerade nur soweit geschlossen, dass Objektivfehler wie chromatische Aberrationen und andere noch nicht sichtbar werden.

    Es werden Einzelbilder mit unterschiedliche Fokussierung aufgenommen. Jeder Entfernungsbereich im Motiv sollte in einem der Einzelbilder scharf abgebildet sein. Manche Kameras können die vielen, jeweils unterschiedlich fokussierten Bilder, automatisch einstellen und belichten, das ist eine große Hilfe.

    Die aufgenommenen Einzelbilder werden dann so miteinander kombiniert, dass aus dem Bild möglichst nur die schärfsten Bereiche verwendet werden. Am einfachsten geht das mit spezieller Software. Zur Not aber auch von Hand in der Bildbearbeitung mit Ebenentechnik und Ebenenmasken.

    Einige Kameras können die Bilder sogar intern (als JPEG) kombinieren. Solange man zusätzlich die Einzelbilder erhält, ist das natürlich großartig, um das schnelle Bild per Smartphone aus dem Urlaub zu verschicken. Mit dem Einzelbildern (RAWs) hat man hinterher ja immer noch alle Möglichkeiten für besondere Ausarbeitungen offen.

    Schärfelage manipulieren

    In diesem Abschnitt werde ich eine weitere, sehr spezielle Technik zur Schärfeverlagerung erklären. Man braucht dafür allerdings besondere Kameras bzw. Objektive. Wenn Sie das Thema nicht interessiert, können Sie direkt zum letzten Absatz dieses Themenbereichs springen.

    Mit Fachkameras oder in Verbindung mit besonderen Objektiven, den Tilt- bzw. Shift-Tilt-Objektiven (PC-Nikore bei Nikon), kann man die Schärfe regelrecht in das Bild hineinlegen. 

    Normalerweise ist die Schärfeebene parallel zur Objektiv- und Aufzeichnungsebene. Das gilt aber nur wenn Film-/Sensorebene und Objektivebene parallel zueinander sind. Bei den meisten Kameras ist das der Standard und man kann es auch nicht beeinflussen.
    Aber bei einer Fachkamera kann das Objektiv (und/oder die Filmebene) geschwenkt oder gekippt werden. Dadurch wird auch die Schärfeebene verändert, sie wird "gelegt".

    Wie geht das?

    Zuerst betrachten wir einmal ein Motiv und eine Kamera, die nur aus Linse und Sensor oder Film besteht.


    Motiv-, Objektiv und Sensor- bzw. Filmebene

    Bei korrekter Fokussierung läuft dann die Schärfelinie (besser: Schärfeebene) durch das Motiv. (In der Realität ist es natürlich keine Linie, sondern eine Fläche, die Schärfeebene.) Die Bildpunkte der Motivpunkte (die auf der Schärfeebene sind) liegen dann auf der Aufnahmeebene.

    Fokussiert

    Wenn nun aber die Entfernung der Motivpunkte nicht gleich ist, die Motivebene also nicht parallel zu Objektiv und Sensor/Film liegt, ist die Fokussierung auf alle drei Punkte gleichzeitig nicht möglich. Die Bildpunkte sind unterschiedlich weit von der Linse entfernt. In der folgenden Illustration liegt nur der Bildpunkt des roten Punktes auf der Film-/Sensorebene rechts. Sowohl der grüne als auch der gelbe Punkt sind weiter entfernt und erzeugen keine Punkte sondern Zerstreuungskreise.
    Die graue Motivebene liegt schräg geneigt. Nur der Bereich, an dem sie die Schärfeebene schneidet, wird scharf abgebildet, nur der rote Punkt ist fokussiert.

    Der Bildpunkt des weiter entfernten grünen Punktes liegt vor der Filmebene, der Bildpunkt des nahen gelben Motivpunktes dagegen liegt hinter der Filmebene. Wenn man nun aber die Lage der Sensor-/Filmebene in die richtige Richtung schwenkt, können wieder alle drei Bildpunkte auf der Aufnahmeebene liegen.
    Film-/Sensorebene gelegt, alles ist fokussiert.

    Die Aufnahmeebene wird also der Lage der Bildpunkte angepasst, und alle drei Punkte werden scharf abgebildet, denn sie liegen wieder auf der nun ebenfalls (gegenläufig) schrägen Schärfeebene. Aber der Sensor/ Film liegt jetzt schief, es könnten z.B. stürzende Linien auftreten, weil die Aufzeichnungsebene nicht nicht mehr parallel zur Senkrechten liegt.
    Die Objektivebene ist gelegt, dadurch ist die Schärfeebene schräg ins Bild gelegt. Alles ist fokussiert.

    Kippt man nun anstatt der Sensor-/Filmebene die Objektivebene, liegen erneut alle drei Bildpunkte richtig auf der der Sensorebene. Die Schärfeebene liegt dann immer noch auf den drei Motivpunkten.
    Da die Filmebene ihre Lage im Verhältnis zur Senkrechten nicht geändert hat, kann man so stürzende Linien vermeiden.

    Bei entsprechender Einstellung kann man auf diese Art durch das Tilten trotz minimaler Schärfentiefe eine flache Ebene (zum Beispiel Eisenbahnschienen oder eine Tischplatte) von vorne bis hinten scharf abbilden.

    01

    Abschluss

    Diese Seite zum Thema Fokussieren und Bildschärfe ist recht umfangreich geworden. Das hat auch seinen Grund, denn die Schärfe ist sehr wichtig.
    Aber Sie sollten das Thema auch nicht überbewerten: die Schärfe ist trotz allem nur ein Faktor unter vielen. Und ein Foto ist nicht automatisch gut, wenn es von vorne bis hinten scharf ist.
    Im Gegenteil, gelegentlich kann ein mit Absicht unscharfes Bild (egal ob nun durch Bewegungsunschärfe/Verwackeln oder durch Defokussieren ) eine viel intensivere Aussage haben und den Betrachter stärker ansprechen als ein von vorne bis hinten scharfes Foto.
    Es kommt eben darauf an, was der Fotograf zeigen will (und wie das beim Betrachter ankommt).

    Zu dem Themenbereich "Objektiv" finden Sie am Ende des Lehrgangs im Kapitel "Der Testfilm" Aufgaben, um das Gelesene in die Praxis umzusetzen. Speziell die Aufgaben 4, 5 und 6 sollten Sie direkt angehen.

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