Notizen zur Fotografie ...

Superzoom - Universalobjektiv - Reiseobjektiv?

Vorbemerkung: Wer keinen Wert auf Bildgestaltung legt, kann auch mit den besten Objektiven der Welt keine guten(?), wirkungsvollen(?), schönen(?) Bilder machen. Oft sind eine gute Idee oder ein kleiner Schritt nach links oder rechts oder eine kleine Veränderung des Aufnahmeabstands zehn mal mehr wert als ein ganzer Fuhrpark von erstklassigen Spitzenobjektiven und Kameragehäusen.
Denn wenn das Bild beim Betrachten nicht lebt, hilft auch die größte Schärfe, Aberrations- und Verzeichnungsfreiheit nicht weiter. Das belanglose Bild wird dadurch nur zu einem technisch guten belanglosen Bild.
Trotzdem wird die technische Seite der Fotografie, gerade auch in Form der technischen Qualität der Ausrüstung, leider aber immer wieder überbewertet.

Bei meinen Überlegungen zu dem Thema ÑUniversalobjektiveì will ich versuchen, diese technischen Aspekte wie Schärfe, chromatische Aberration, Vignettierung etc. außen vor lassen. Sie wirken sich ja in erster Linie auch Ñnurì auf die Bildqualität aus und sind oft bei der verkleinerten Ansicht am Monitor oder gar als kleinere Vergrößerung bis A4 gar nicht sichtbar bzw. lassen sich mit wenig Aufwand in der Bearbeitung beheben.
Statt dessen will ich mich mehr um die gestalterisch wirksamen Punkte kümmern. Diese Überlegungen zur Objektivauswahl entstanden zum einen vor dem Hintergrund der immer größer werdenden Brennweitenspannen der "Superzoom"-Objektive, die in der Werbung der einschlägigen Märkte als Universalwaffe des Fotografen angepriesen werden. Und andererseits fließen aktuelle Erfahrungen der Teilnehmer meiner Workshops (www.fotoschule-ruhr.de) mit ein.
.

Die als "Reiseobjektive" oder "Universalobjektive" oder "Superzoomobjektive" im Handel zu findenden Objektive haben oft ein Brennweitenspektrum, das bis zum zehnfachen oder mehr der Startbrennweite reicht. (18-200 ist ein mittlerweile schon klassisches Beispiel) "Normale" Zooms decken dagegen oft nur den etwa zwei bis dreifachen Bereich ab, 28-70mm oder 17-55mm oder 12-40mm zum Beispiel (alles eher klassische "Normalbrennweiten"-Zooms für unterschiedliche Sensorgrößen von Vollformat über APS-C bis mFT).
Man findet die Superzooms zum einen eingebaut in manchen Bridgekameras, sogar einige Kompaktkameramodelle verfĂĽgen ĂĽber solche sehr groĂźe Brennweitenbereiche. Der klassische Markt dafĂĽr ist aber wohl der Bereich der Wechselobjektive fĂĽr DSLRs (digitale Spiegelreflexkameras). In diesem Bereich dominieren die "Fremdanbieter", aber auch einige Kameraproduzenten bieten solche Superzoomobjektive an.

Um es hier noch einmal deutlich zu machen: auch mit einem Superzoom kann man hervorragende Bilder machen. (Zumindest dann, wenn man seine Bilder bewusst oder unbewusst den Fähigkeiten der Objektive entsprechend gestaltet).
Und unter normalen Bedingungen (Betrachtungsabstand der Bilder entsprechend der Bilddiagonale) wird man, wenn man auf allzu starke Ausschnitte verzichtet, auch aus technischer Sicht akzeptable oder sogar hervorragende Ergebnisse erzielen. In den mittleren Bereichen der möglichen Brennweiten und Blendenöffnungen sind die meisten Objektive ziemlich gut, das gilt natürlich auch für Superzoombrennweiten.

Mir geht es bei den folgenden Überlegungen zu diesen "Megazooms" um einen anderen Punkt. Dieser Objektivtyp wird ja vom Fachhandel, den großen Elektronikmärkten und der Fotoindustrie gerne als "Universalobjektiv", als "Perfekt für die Reise", verkauft.
Aber stimmt diese Bezeichnung und Einstufung wirklich? Oder ist das nur eine Mogelpackung?

Sind die Superzooms tatsächlich Universalobjektive?
Die herausragende Eigenschaft dieser Objektive ist ja der große Brennweitenumfang (zu meist sehr moderaten Preisen). In vielen anderen Punkten sind diese Brennweitenriesen aber nicht besser als andere Objektive. (Hier beziehe ich mich ausdrücklich nicht auf die oftmals etwas schlechteren Abbildungsleistungen, denn ein gutes Foto ist meist auch dann noch gut, wenn es ein paar "chromatische Aberrationen" oder eine leichte Unschärfe hat. Auch die öfter bei Zooms mit großem Brennweitenumfang auftretenden Probleme mit tonnenförmiger oder kissenförmiger Verzeichnung sind für viele Motivgruppen nicht so schlimm.)
Aber es gibt leider auch Einschränkungen, die sich direkt auf die Gestaltungsmöglichkeiten auswirken. In erster Linie geht es mir dabei um zwei mehr oder weniger stark auftretende Punkte, die mir bzw. meinen Workshopteilnehmern in der Praxis aufgefallen sind.
(Wenn Sie sich fĂĽr meine Fotokurse interessieren, dann besuchen Sie doch mal die Seiten der Fotoschule-Ruhr.de.)

1) Lichtstärke.
Die größtmögliche Blendenöffnung (die Lichtstärke) der "Universalobjektive" ist oft nur 3.5 oder weniger, im langen Brennweitenbereich geht das herunter bis zu 5.6, 6.3 oder gar noch geringer.
Das bringt zwei Probleme mit sich: Zum einen wird es durch die geringe Lichtstärke gerade im Bereich der langen Brennweiten etwas knifflig, diese noch ohne Verwacklungen einzusetzen.
An einer Kamera mit 1,6er Crop wird aus einem Superzoom, eingestellt auf 200mm, ja eine (gefühlte) 320mm Monsterbrennweite. Ohne Imagestabilizer braucht man hierfür eine Belichtungszeit kürzer als eine 300stel Sekunde, um das Bild nicht zu verwackeln. Das wird schon bei leicht bedecktem Himmel mit einer Empfindlichkeit von 100 ISO schwierig. Unter ungünstigeren Lichtbedingungen wird dann auch am Tag das Stativ zur Pflicht. (Was dem unbeschwert universellen Einsatz dieser Objektive natürlich aufs Stärkste widerspricht.) Oder die Empfindlichkeit muss höher eingestellt werden, was Rauschen hervorruft und schlussendlich die nutzbare Auflösung reduziert.
Und zweitens funktioniert der Einsatz der selektiven Schärfe(-ntiefe), der sich gerade bei den langen Brennweiten anbietet, auch nicht so recht, da bei Blende 6.3 die Schärfentiefe schon wieder größer wird.

2) Naheinstellgrenze.
Gerade im Bereich der kurzen Brennweiten ist die Möglichkeit wichtig, nahe an ein Vordergrunddetail heran gehen zu können. Durch den kurzen Aufnahmeabstand kann man die betonte Raumwiedergabe des Weitwinkels für die Bildgestaltung am besten nutzen. Bei vielen "Superzooms" ist diese Naheinstellgrenze im Weitwinkelbereich aber oft anderthalb mal so lang wie bei entsprechenden Festbrennweiten.
Durch den dadurch nötigen größeren Aufnahmeabstand wird die Wirkung der kurzen Brennweite auf die Bildgestaltung entsprechend abgeschwächt. Leider wird gerade dieser Punkt im Gegensatz zur geringeren Lichtstärke oft übersehen und taucht im Verkaufsgespräch oder bei den Überlegungen zum Objektivkauf oft gar nicht auf.

Aufgrund dieser gestalterischen Einschränkungen sind dieses Objektive, die als "Allroundobjektive" verkauft werden, eigentlich gar keine "Universal"- oder "Immerdraufobjektive"".
Man sollte sie vielmehr als Spezialisten ansehen, zu denen man dann greift, wenn ihre herausragenden Fähigkeiten wirklich gefragt sind und diese Fähigkeiten die evtl. auftretenden gestalterischen Einschränkungen (und die technischen Schwächen) wett machen. Also, dann, wenn wirklich der komplette Brennweitenumfang benötigt wird (siehe weiter unten das Thema ÑAusschnittì), der Transport eines zweiten Objektivs und/oder der Wechsel der Objektive aber unmöglich ist. Wenn Sie auf jedes Gramm Gewicht bei der Ausrüstung achten müssen oder ein Wechsel des Objektivs nicht möglich ist und Sie zusätzlich den Brennweitenbereich auch tatsächlich benötigen, dann ist das genau der Spezialfall, für den diese Objektive absolut unverzichtbar sind. (Zum Beispiel beim Klettern im Hochgebirge könnte ich mir das vorstellen.)
In vielen anderen Situationen kann man dagegen auch ohne diese Spezialobjektive mit ihrem gigantischen Brennweitenbereich gut zurecht kommen. Oft ist zum Beispiel die lange Endbrennweite dieser Superzooms gar nicht nötig, da man mit einer kürzeren Brennweite und anschließender Ausschnittvergrößerung zum gleichen Bildergebnis kommen kann.
Um ein Bild analog zu einer 200mm-Brennweite zu erzeugen, können Sie vom gleichen Standpunkt aus auch einfach nur mit 100mm fotografieren und dann später nur das halbe Bild (halbe Höhe bzw. Breite) benutzen. (Viele Onlineausbelichter erlauben beim Bildupload die Wahl eines Ausschnitts und mit dem Ausschnittwerkzeug der Bildbearbeitung können Sie das Bild auch endgültig zuschneiden.) Durch den Beschnitt haben Sie zwar weniger Pixel zur Verfügung, aber in den Zeiten der Megapixelboliden ist weniger oft immer noch ziemlich viel. In den meisten Fällen reichen ja auch schon 4 bis 6 Megapixel für einen hervorragenden Ausdruck oder eine Ausbelichtung. Und wenn das Ganze womöglich nur für 10x15 oder für die Monitorwiedergabe genutzt wird, kommt man mit noch weniger Pixeln aus.

Durch ein "kürzeres" Objektiv verlieren Sie (wenn Sie mit Ausschnitten arbeiten) also dank der Möglichkeit der Nutzung eines Ausschnitts keine Gestaltungsmöglichkeiten. Und auch die technische Seite muss sich durch den Verzicht auf das Superzoom nicht verschlechtern.)
Im Weitwinkelbereich können Sie mit der kürzeren Naheinstellgrenze eines Ñnormalenì Objektivs Bilder machen, die durch die Betonung des Größenunterschieds des Bildvordergrunds zum Bildhintergrund dramatische räumliche Akzente setzen. Solche Bilder sind mit der schlechteren (höheren) Naheinstellgrenze des "Reisezooms" oft nur eingeschränkt machbar.
Und wenn die Brennweite tatsächlich mal nicht kurz genug ist, dann versuchen Sie mal, das gewüschte Bildfeld mit mehreren überlappenden Bildern abzutasten und diese dann später mit Panoramsoftware (es gibt da auch sehr gute kostenlose Lösungen) zu einem Bild mit deutliche größerem Bildwinkel zusammenzufügen. Zumindest bei statischen Motiven klappt das sehr gut.
Ein netter Nebeneffekt ist, dass sich dadurch die Anzahl an Bildpixeln drastisch erhöht, einer größeren Wiedergabe des Bildes also nichts im Wege steht.

Immerdraufobjektiv?
Wegen der Auswirkung der angeführten Punkte auf die Möglichkeiten der Bildgestaltung habe ich noch keine Einsatzmöglichkeit für Superzooms in meiner Fotografie gefunden.
Man sollte sich wohl genau überlegen, ob man so einen Spezialisten tatsächlich braucht. Evtl. kann man ja doch ein Objektiv mehr mitnehmen und dann mal wechseln. Oder man kann evtl. einfach ein Zoom mit einem geringeren Brennweitenumfang verwenden und den längeren Brennweitenbereich des Superzooms mit einem Ausschnitt abdecken. Oder für einen größeren Bildwinkel mehrere Bilder "stitchen"
Dann reicht evtl. auch schon ein normales Zoom mit nur dem dreifachen Brennweitenbereich oder gar eine Festbrennweite.
Und wennn nicht, man kann durchaus auch Objektive wechseln. Mit etwas Übung geht das auch ohne dritte Hand ganz gut. Mit einem zusätzlichen Objektivverschluss sogar ganz besonders einfach. Siehe hier

* einige der Links auf dieser Seite führen zu Amazon oder anderen Anbieter. Wenn Sie über diese Links bestellen, erhält der Fotolehrgang eine kleine Provision, ohne dass Sie etwas zusätzlich bezahlen müssen.

Zu den anderen Notizen

Was die anderen dazu meinen:


Christian Weidler:

Hallo,

und danke erst einmal erst einmal für den \"Nicht-Veriss\" der in vielen Foren verteufelten \"Suppenzooms\" und die realtivierende Darstellung. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass man die meisten dieser \"Möchtegern-Pros\" die in den Foren immer wieder zu sagen pflegen, was man als \"ernsthafter Fotograf\" auf jeden Fall tun oder lassen sollte, getrost ignorieren kann. So verteufeln diese regelmäßig die besagten Objektive, meistens ohne das jeweilige Teil auch nur einmal in der Hand gehalten zu haben, geschweige denn objektiv getestet zu haben.

Ich habe nach mehreren Zu- und Verkäufen meinen Objektivpark stark zu gunsten des neuen Tamron 18-270 PZD reduziert und bin begeistert von dem Stück. Tamron hat offensichtlich viel getan, um die oben angeführten \"Schwachpunkte\" wie Tonnenverzerrung im WW, Chromatische Aberration etc. zu kompensieren. Ich mag auch rein subjektiv den Kontrast und die Farben, die ich damit erziele und auch der Stabilisator arbeitet einwandfrei.

Die Fotografie macht mir wieder mehr Spaß, zumal ich unter anderem für die Presse täig bin und ein kapriziöses Rumfummeln mit Wechseloptiken bei vielen Terminen einem zu recht nicht als Profi, sondern als Spinner dastehen lassen würde, der zum Schluss ohne die geforderte Aufnahme nach hause geht, weil er grad nicht die richtige Brennweite draufhatte.

Zusammenfassend zählt das gewünschte und erzielte Ergebnis, nicht das Mittel.

Viele GrĂĽĂźe und Frohe Weihnachten

Christian

( 22.12.11 14:19)


Thomas Kaesekamp:

Hallo,
alles wunderbar aufgefĂĽhrt, da teile ich genau Ihre Meinung. Ausgenommen das EF 28-300mm 3,5-5,6 L IS USM von Canon. Das einzige Superzoom, das von den sonst nachgesagten Mankos abweicht und deshalb sehr gut bewertet wird. Das einzige, das ich diesbezĂĽglich kenne, bin sehr damit zufrieden.
Allerdings ist der Preis und das Gewicht sehr hoch.
MfG
Thomas

( 12.10.11 22:36)

Kommentieren

(*) = Pflichtfelder

Name(*):

E-Mail(*) (wird nicht veröffentlicht):

Website (bitte inkl. http://):


Kommentar


Spamschutz(*)
Die Summe aus achtzehn und sechs: (in Ziffern)