Fragen zur Fotografie ...

Frage / Antwort


"Welches Objektiv für einen Fashionblogger?"

Sebastian fragt:

Servus,
mein Name ist Sebastian und bin 21 Jahre jung.
Ich möchte einen Fashionblog betreiben und habe die Canon 750D. Bei den Fotos anderer FashionBlogger z.b. auf Instagram zu sehen ist die Person ziemlich scharf, der Hintergrund jedoch unscharf. Mit welchem Objektiv erreiche ich diese Wirkung.
Da ich jung bin hab ich leider auch nicht das Kleingeld für teure Objektive.
Mir wurde im Shop die Canon EF 50mm f/1.8 STM vorgeschlagen ? oder ist die 1,4 besser. oder bin ich bei den Festbrennweitenobjektiven total falsch?



Antwort:

Anmerkung:
Das Thema Schärfentiefe wird hier im Kapitel "Objektiv" des Fotolehrgangs, speziell auf der Seite "Was heißt scharf?" gerade auch in Bezug auf die Grundlagen ausführlicher erklärt. Da kannst Du nachlesen, wenn Dir etwas aus dem folgenden unverständlich ist.

Hallo Sebastian,

lass uns das mal etwas gründlicher klären.
Du möchtest ein Foto einer scharf abgebildeten Person (Modefotografie) vor unscharfem Hintergrund. Der erste Gedanke führt Dich dann ganz richtig zu den Objektiven, denn das Zusammenspiel von Brennweite (Bildwinkel) und Blende ist ein Faktor, der die Bildwirkung der Schärfentiefe stark beeinflusst.

Zoom?

Ob die Brennweite dabei variabel ist wie bei einem Zoom oder nicht, ist eher nebensächlich. Generell sind aber Festbrennweiten oft lichtstärker und erlauben damit stärkere Hintergrundunschärfen als vergleichbare Zooms.

Was beeinflusst die Schärfentiefe?

Aber es gibt noch andere Faktoren, die die Schärfentiefe beeinflussen, speziell der Aufnahmeabstand sowie der Abstand zwischen Hauptobjekt und Hintergrund. Und auch die Größe des Sensors spielt eine Rolle.

Kurz zusammengefasst:
  • kleiner Aufnahmabstand - kleine Schärfentiefe
  • kleiner Bildwinkel ("rangezoomt") - kleine Schärfentiefe
  • kleine Blendzahl (Blende weit geöffnet) - kleine Schärfentiefe
  • großer Sensor - große Schärfentiefe

Was ist vorhanden?

Deine Kamera hat einen Sensor, der kleiner ist als an einer "Vollformat"-Kamera. Der Hintergrund wird dadurch bei sonst unveränderten anderen Bedingungen schärfer wirken. Für Dich jetzt ungünstig, aber zum Glück ist das kein dramatischer Unterschied.

Wenn Du den Bildwinkel und die Blendenzahl verkleinerst, wird die Schärfentiefe kleiner, der Hintergrund unschärfer. Also nimm eine längere Brennweite (Festbrennweite oder reinzoomen) mit möglichst großer Blendenöffnung (kleine Blendenzahl).
Durch die lange Brennweite ist zwar ein größerer Aufnahmeabstand nötig, der zu wieder schwächerer Unschärfe führt, aber die Auswirkung des veränderten Abstands auf die Schärfentiefe ist nicht so stark wie die Wirkung der Brennweite.
Netto hast Du zwar bei kurzem Abstand und und großem Bildwinkel die gleich Größe Deines Hauptobjekts wie bei entsprechend größerem Abstand und kleinerem Bildwinkel, aber der Hintergrund wird im zweiten Fall unschärfer wirken.

Ein 100-400 4.5-5.6 kann bei Gruppen helfen, aber will man das schleppen?

Welche Brennweite?

Auf die Frage nach dem Objektiv hat die Wahl des Motivs eine großen Einfluss. Auch wenn das Thema "Fashion" vorgegeben ist, sind ja unterschiedliche Bildausschnitte möglich.
Und je nach Größe diese Bildausschnitts (Modedetail oder Kopfportrait oder Oberkörper oder ganze Person oder Personengruppe) benötigst Du andere Aufnahmeabstände. Während bei dem Modedetail die Unschärfe dank des kurzen Aufnahmeabstands von Haus aus schon recht stark ist, wirst Du für eine Personengruppe viel größere Probleme mit einem unscharfen Hintergrund haben. Um auch dabei eine starke Unschärfe zu erreichen, benötigst Du lange Brennweiten und große Blendenöffnungen.
Für eine komplette Person vom Kopf bis zu den Füßen oder eine kleine Gruppe könntest Du z.B. ein 70-200 2.8 von Canon(*) einsetzen. Oder ein vergleichbares Objektiv eines Fremdherstellers(*).
Aber das wird teuer. Sehr teuer!

Ausweg 50mm 1.8?

Für Oberkörperportraits oder Modedetails (nicht Makro) dagegen ist das von Dir erwähnte recht preiswerte 50mm 1.8(*) ein guter Einstieg, gerade auch dann, wenn die finanziellen Grenzen eng gesteckt sind. Ja, bei dem Objektiv mit größter Blende (Lichtstärke) 1.4(*) könnte die Unschärfe noch stärker wirken, aber es wird auch gleich unverhältnismässig teurer.
Ein 85mm 1.8(*) oder gar 1.4 wäre noch besser, für kleine Detais evtl. auch ein Makro, aber das kostet alles wieder.
Fang also am besten mit kleineren Motivdetails an, da kannst Du am besten die Unschärfe erzeugen.
Aber evtl. kannst Du ja auch anders vorgehen und ein wenig tricksen.

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Was kannst Du noch machen

Das größte Optimierungspotential befindet sich in der Fotografie in der Regel drei Zentimeter hinter dem Sucher. "Equipment" dagegen hilft oft nur bei sehr konkreten Problemen. Und mit etwas Kreativität und ein bisschen Überlegung kommt man gelegentlich zu alternativen und manchmal auch besseren Lösungswegen. Sehen wir uns mal dei Möglichkeiten an...
  • Suche Dir weit entfernte Hintergründe. Wenn der Hintergrund sehr weit entfernt ist, wird er auch unschärfer wirken. Wenn Du da ein bisschen Kreativ bist, lässt sich einiges tricksen.
  • Gerade der direkte Hintergrund hinter dem Model, zum Beispiel der Weg, auf dem es steht, ist oft noch zu scharf und stört so. Aber Du kannst dagegen etwas machen.
    Stell das Model höher, auf eine Mauer oder oben auf eine Treppe.
    Nimm einen tiefen Aufnahmestandort ein, Froschperpsektive.
    Lass Dein Model nach oben ins Bild springen.
    Mit diesem Methoden kannst Du den direkten, noch zu scharf wirkenden Hintergrund aus dem Bild ausblenden. Es ist dann nur noch der, im direkten Vergleich stärker unscharf wirkende, weit entfernte Hintergrund im Bild.
  • Arbeite mit Licht, ein anders beleuchteter Hintergrund (Model im Licht und Hintergrund im Schatten - oder umgekehrt) Durch die unterschiedliche Beleuchtung wirkt der Hintergrund weiter entfernt und Du kannst ihn sogar in dunklen Schatten oder oder ausgefressen Hellen verschwinden lassen.
  • Das gilt auch für die Lichtfarben. Ein warm beleuchtetst Model trennt sich toll von einem kühlen Hintergrund. (Straßenlaterne oder kleiner Blitz mit Gelbfolie zur blauen Stunde)
  • Versuch mal was anderes, spanne eine große Plane (oer auch transparente Abdeckfolie aus dem nächsten Baumarkt) hinter dem Model.
  • Arbeite mit Accessoires oder Tieren, dann wird der Hintergrund nebensächlich.
  • Ein guter Hintergrund stört auch dann nicht, wenn er scharf abgebildet ist. Wenn Du unterwegs bist, auch ohne Kamera, such nach solchen Hintergründen in Deinem Umfeld, mach Dir eine Liste (mit den jeweils besten Tageszeiten).
  • Erzähl eine interessante Geschichte, lass Dein Model mit dem Hintergrund agieren. Was könnte kurz vor dem Foto passiert sein? Oder was wird direkt danach passieren.
  • Such Dir Models, die mehr sind als gutaussehende Kleiderständer. Die Ausstrahlung, die Persönlichkeit, kann wichtiger sein als die Freistellung.
Mach Dich generell unabhängig von dem, was andere machen. Heb Dich von den anderen ab, indem Du anders fotografierst als sie, die Fotos auf Deine Art machst und Deinen Weg gehst.
Ich weiß, hört sich blöd an, wenn man eigentlich ein Objektiv kaufen will, aber Beschränkung fördert tatsächlich die Kreativität.
Und nur dadurch wirst Du zu dem Fotografen, der in Dir steckt.
Nimm die Herausforderung an, ansonsten wirst Du nur einer von vielen sein.

Schick mir mal einen Link zu Deinen Bildern oder zu Deinem Blog, wenn es Du angefangen hast.

Viel Spaß beim Fotografieren,
Tom!

P.S.:
An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen:
Der gekonnte kreative Umgang mit der Schärfentiefe ist ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie.
Und der Umgang mit solchen gestalterischen Herausforderungen und z.B. dem Thema "Geschichten erzählen" ist Teil meines Kurses zu den Grundlagen der Bildgestaltung
(*) Dies ist ein sogenannter Affiliate Link. Wenn Du hierüber etwas kaufst, erhalte ich eine paar Prozente, ohne dass Du deshalb mehr bezahlen musst. Klassisches Win-Win also.
Und wenn Du meinst, ich hätte das nicht verdient, dann lässt Du es eben. ;-)