Notizen zur Fotografie ...

Synch. auf den zweiten Verschlußvorhang - ein Mythos?

In der letzten Zeit habe ich in meinen Kursen an der Fotoschule-Ruhr.de wieder vermehrt Fragen zum Thema Blitzen und "zweiter Verschlußvorhang" bekommen. Und ich konnte im Internet auch einige Diskussionen zum Thema verfolgen.
Mir scheint, das das Thema "Rear Curtain Sync" oder "Synchronisation auf den zweiten Verschlußvorhang" (ich schreib jetzt im weiteren RCS oder S2V ;-) ) so einige Unklarheiten mit sich bringt. Und einige Darstellungen dazu in der Öffentlichkeit sind scheinbar nicht vollständig.

Doch zuerst: Was ist das überhaupt?
RCS bezeichnet einen speziellen Zeitpunkt der Zündung eines Blitzlichts bei einer Kamera mit Schlitzverschluss, wenn die verwendete Belichtungszeit gleich oder länger als die sogenannte Synchronzeit ist.
Der Blitz kann zum Anfang der Belichtung, also wenn der erste Verschlußvorhang das Bildfenster freigegeben hat, gezündet werden.
Oder er wird erst zum Ende der Belichtungszeit gezündet, im letzten Moment bevor der zweite Vorhang das Bildfenster wieder verschließt. Das ist dann RCS.
(Mehr dazu hier)

Undwozubrauchtmandas?
Die unterschiedliche gestalterische Wirkung dieser beiden Varianten der Blitzzündung wird bei bewegten Bilddetails deutlich.
Wenn auf den ersten Verschlußvorhang synchronisiert wird (das ist für lange Zeit das einzige Verfahren gewesen und auch heute noch die Standardeinstellung), so wird ein sich bewegendes Objekt zu Anfang der Belichtung "eingefroren". Danach geht die Belichtung weiter und das Objekt kann, je nach Helligkeit, Wischer im Bild erzeugen. Wenn das Objekt selber leuchtet, ergeben sich dann Lichtlinien.

In der weiter unten folgenden Abbildung war die Bewegung von links nach rechts. Der Blitz wurde gezündet als der erste Verschlußvorhang das Bild komplett freigab. Das Auto war zu dem Zeitpunkt am linken Bildrand und wurde durch das Blitzlicht in dieser Position abgebildet.
Da der Blitz nur sehr kurz leuchtet, würde es auch bei schnellerer Bewegung mehr oder weniger acharf abgebildet, man nennt das dann "Bewegung einfrieren".

Nach dem Blitz wurde die Szene wieder dunkel.
Das sich von links nach rechts bewegende Auto erzeugte nur ein sehr schwaches eigenes Abbild, das während der Belichtung nach und nach an unterschiedlichen Stellen auf dem Sensor war und nirgends genügend hell für eine deutlich sichtbare Abbildung war.
Die selbst leuchtenden Scheinwerfer und Rückleuchten werden durch die Bewegung ebenfalls verwischt dargestellt, die durch sie gebildeten Lichtspuren sind aber hell genug um im Bild sichtbar zu werden.
Sie entstehen vor dem Wagen. Dadurch erzeugen sie den Eindruck, als wäre das Auto von rechts nach links, also rückwärts gefahren.

Das Auto fährt scheinbar rückwärts ...

Wenn die Syncnchronsiation auf den zweiten Verschlußvorhang erfolgt, ist alles genauso wie beim vorherigen Beispiel, nur wird der Blitz erst zum Ende der Belichtung gezündet.
Dadurch enststehen zuerst die Wischer der Scheinwerfer. Das Fahrzeug selber wird erst dann durch den Blitz sichtbar, wenn keine zusätzlichen Wischer mehr abgebildet werden können, weil der zweite Verschlußvorhang direkt nach dem Blitz das Bildfenster schliesst.
Die Wischer sind dann im Bild hinter dem Fahrzeug, das so vorwärts zu fahren scheint.

Und jetzt: vorwärts ...

Wenn Ihre Kamera kein S2V zulässt, können Sie sich zur Not, wenn Sie das beeinflußen können, mit einem rückwärts fahrenden Fahrzeug behelfen, das dann vorwärts zu fahren scheint.

Tolles Tool?
Die S2V ist eine sehr wichtige Funktion der Kamera, denn erst durch sie ist die richtungsrichtige Darstellung von Bewegung möglich.
Anmerkung
Da liegt die Frage nahe, warum das nicht die Standardeinstellung der Kameras ist.
Warum wird denn überhaupt noch eine Synchronisation auf den ersten Verschlußvorhang angeboten?
Die Frage ist auf den ersten Blick berechtigt und viele Fotografen scheinen standardmässig die S2V eingestellt zu haben (so lese und höre ich zumindest immer wieder).
Doch damit sollten Sie (und sie ;-) ) vorsichtig sein.
Denn die RCS kann nicht nur gestalterische Probleme lösen, sondern auch selber welche erzeugen.

01

Schwächen
Die genaue Postion des angeblitzten Motivdetails innerhalb der Bildfläche ist bei der Synch. auf den ersten Vorhang leicht zu bestimmen. Das Obejkt wird ziemlich genau an der Stelle im Bild abgebildet, an der es sich beim Drücken des Auslösers befindet (plus ein paar Sekundenbruchteile).
Die Länge der Wischer ergibt sich durch die Belichtunsgzeit.
Anmerkung
Wenn der Blitz aber erst zum Ende der Belichtungszeit kommt, also S2V genutzt wird, ensteht das Abbild des bewegten Objekts erst an der Position, an der sich das Objekt dann befindet.
Je nach Art der Objektbewegung (Geschwindigkeit und Gleichmässigkeit) kann es schwierig bis unmöglich sein, diese für die Gestaltung des Bildes ja wahrlich nicht unwichtige Objektposition abzuschätzen.
Wenn Sie Pech haben, ist das Auto im Moment des Blitzen bereits aus dem Bild gefahren.

Ich bin dann mal weg ...

 
Die Intensität der Wischer können Sie an der Kamera nur über die Blende steuern. Blende weiter auf: hellere Wischer.
Vorsicht: dann wird auch der Blitzteil des Bildes heller. Der Blitz muss automatisch (z.B. über TTL-Blitzsteuerung) oder manuell an die geänderte Blende angepasst werden.

Wenn die Veränderung über die Blende nicht möglich ist (wegen der Schärfentiefe z.B.), müssen Sie die Intensität der Wischer über die Bewegungsgeschwindigkeit des Objekts und eine angepasste Belichtungszeit steuern. Die Belichtungszeit müssen Sie dann anpassen, damit bei geändertem Objekttempo die Wischer trotzdem die gewünschte Länge bekommen.

Nun lassen sich solche relativ gleichmässigen Bewegungen wie die eines Fahrzeugs mit etwas Übung noch ganz gut handhaben. Man kann versuchen abzuschätzen, an welcher Position das Fahrzeug beim Auslösen sein muss, damit es beim später erfolgenden Blitz bis an die Wunschposition im Bild gefahren ist.

Bei eher unregelmässigen oder sehr schnellen Bewegungen kann das jedoch sehr schwierig bis unmöglich werden.
Wenn Sie ein Foto Ihres Kindes auf dem sich drehenden Karussell wollen, sollte das Gesicht Ihres Kindes vom Blitz beleuchtet sichtbar werden und nicht der Hinterkopf eines anderen Kindes.
Und wenn Sie bei einem Tanzwettkampf die Teilnehmer in Aktion fotografieren, sollten die Höhepunkte der Bewegung und nicht irgend ein mehr oder weniger unattraktiver Zeitpunkt danach fotografiert werden.
Es ist in solchen Situationen nahezu unmöglich, den richtigen Auslöszeitpunkt zu erahnen, damit beim Schliessen des Verschlusses, dann, wenn der Blitz aufleuchtet(bei S2V), das Gesicht des Kindes oder der Höhepunkt der Bewegung sichtbar sind.

Außerdem ist sowohl beim Tanz als auch beim Karussell (und bei vielen anderen bewegten Motiven) die bewegungsrichtige Darstellung oft sogar nebensächlich bis unnötig, das würde S2V also je nach Situation keinen gestalterischen Vorteil, sondern nur Nachteile bringen.

01

Es gilt also immer abzuwägen, ob S2V überhaupt nötig ist. Es wäre in vielen Fällen falsch, diese Technik ohne weiteres Nachdenken als Standardverfahren einzusetzen.
Wenn Sie sie brauchen, ist es hervorragend, wenn Ihre Kamera die S2V beherrscht. Aber achten Sie in diesen Fällen nicht nur auf die Richtung der "Wischer", sondern auch auf die durch den Blitz bestimmte Position des Objektes in Ihrem Bild.

Anmerkung

Um die Position des Objekts im Bild 100%ig exakt zu bestimmen, kann es sich je nach Situation anbieten, das Objekt rückwärts zu bewegen und eine Synch. auf den ersten Vorhang vorzunehmen.
Was die anderen dazu meinen:

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