Wie kann man Fotos gestalten?

Der Inhalt und die Darstellung

Kurzfassung

Neben den Erwartungen der Wahrnehmung des Betrachters sind auch andere inhaltliche Zusammenhänge an der Gestaltung des Bildes beteiligt. Und diese gilt es ebenso zu beachten.

Ausführlich:

Praxistipps
Zuerst einmal müssen wir lernen, „richtig“, also fotografiertauglich, zu sehen. Das heißt, wir müssen lernen, schon bei der Aufnahme zu berücksichtigen, was tatsächlich auf das Bild kommen wird.
Im Folgenden also ein paar Anregungen, die Sie bei der Gestaltung Ihrer Bilder berücksichtigen sollten. Zuerst kommen einige Hinweise allgemeiner Natur, weiter hinten werde ich auch Tipps zu bestimmten Themen und Situationen geben.

Angst vor Nähe?
Es ist komisch: Da sehen wir etwas Schönes und machen ein Foto, und dann kann keiner das Schöne erkennen. Oft liegt es nur daran, dass wir zu weit entfernt waren.
Fast immer ist die Ursache eine Fehleinschätzung der Realität, verursacht durch die eigene Wahrnehmung. Sachen, die uns interessieren, nehmen wir anders wahr als das uninteressante Beiwerk. Und oft erscheint uns so das Interessante auch größer. Das Motorboot, das uns interessiert, konnten wir, als wir vom Berg schauten, prima erkennen. Doch für den Film ist es nur ein kleiner Punkt auf der Wasserfläche. Wir können also bei der Wahrnehmung selektieren, die Kamera dagegen kann das nicht. Sie zeichnet alles, was sichtbar ist, mehr oder weniger so auf, wie es war. (Außer, wir greifen ihr mit Filtern oder ähnlichen Mitteln unter die Arme.)
Und während Sie wissen, worum es geht, kann der Betrachter nur das wahrnehmen, was die Fotokamera gesehen hat und was nun auf dem Bild ist.
Versuchen Sie, im Sucher das Bild als Ganzes wahrzunehmen. (Auf einem Display gelingt das übrigens oft leichter). Was kommt alles auf das Bild? Wie groß? Wird es überhaupt zu erkennen sein?
Im Zweifelsfall gehen Sie lieber näher heran. Oder, um beim See zu bleiben, nehmen Sie ein Teleobjektiv. (Meist ist, wenn Sie wählen können, näher heranzugehen besser, als das Teleobjektiv einzusetzen.)
Die Steigerung dieses Phänomens der selektiven Wahrnehmung ist das Bild „Da, hinter diesem Felsen, waren eine schöne Windmühle und ein süßer Esel!“
Wenn Sie das Bild betrachten, funktioniert die Erinnerungskette für Sie, und die Stimmung kehrt zurück. Die Kamera hat aber durchs Objektiv nur einen Felsen, einen Weg und etwas Himmel gesehen, und nichts anders sehen Ihre Nachbarn bei der Diashow. Deshalb versuchen Sie, wenn Sie ein Foto machen oder zum Zeigen auswählen, Ihre jeweilige Stimmung zu vergessen. Der Betrachter der Bilder ist nicht im Urlaub, er hat kein leckeres Stück Kuchen an der Seepromenade zu sich genommen und die Aussicht genossen. Er spürt nicht den leisen Windhauch, der die Temperatur trotz Sonnenscheins auf angenehmen 24 °C hält.
Er sitzt irgendwo, friert womöglich, und Sie wollen ihm ein Stück Ihres Urlaubsgefühls mitteilen. Also sollten Sie versuchen, die dazu nötigen Informationen auch zum Empfänger Ihrer Botschaft zu transportieren. (Nein, werfen Sie das Felsenfoto trotzdem nicht weg, es funktioniert ja für Sie.)

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Aus dem richtigen Abstand (und der richtigen Perspektive) werden auch kleine Pferde ganz groß. Erst die riesige Schärfentiefe einer kleinen Digitalkamera machte diese Aufnahme möglich.


Standpunkte beziehen
Die meisten Anfänger machen in der Fotografie die gleichen Fehler. So werden die Hauptobjekte im Bild fast immer, ob nun nötig und gut oder nicht, in der Mitte des Bildes platziert. Das führe ich, durch meine Beobachtungen während meiner VHS-Kurse, in erster Linie auf zwei Ursachen zurück.
Zum einen liegen bei den meisten Kameras die Einstellhilfen wie Mikroprismenring, Mischbildentfernungsmesser oder Autofokusfelder in der Mitte des Suchers. Wenn man scharf stellt, rückt man also das Hauptobjekt genau dahin, denn man will ja seine Schärfe überprüfen. Leider wird hinterher zumeist vergessen, das Bild zu „bauen“, also die Objekte im Bild zu platzieren. Das Hauptobjekt bleibt dann in der Mitte.
Ein anderer Grund für mittenlastige Bilder ist die Tatsache, dass die meisten Kameras ein optisches Suchersystem haben, das es nahezu unmöglich macht, das ganze Bild auf einmal zu sehen. Es muss mit dem Auge abgetastet werden. Das ist aber nicht ganz einfach, und gerade Anfänger sind noch so mit den technischen Problemen des Fotografierens beschäftigt, dass sie genau dieses Abtasten des Bildes und sein Zusammensetzen im Kopf, um das Ergebnis vorab zu visualisieren, vergessen.
Ein dritter Grund ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Das Opfer hat, wenn es in der Mitte des Suchers ist, die geringsten Chancen, sich „in Sicherheit“ zu bringen. Wir können uns also als Fotografen relativ sicher sein, dass es im Bild ist und wir nicht „danebenschießen“.
Anmerkung

Schon mehrfach konnte ich beobachten, wie die Bilder nahezu schlagartig besser wurden, wenn die Fotografen auf eine Kamera umstiegen, die (zum Beispiel per Lichtschacht oder Display) eine direkte und vollständige Betrachtung des gesamten Bildes bereits bei der Aufnahme zuließ.
Bei Kameras mit Lichtschacht konnte man früher das Bild schon im Sucher komplett als eine Einheit überblicken (im Gegensatz zum Sucher einer Spiegelreflexkamera, in dem man das Bild eher Detail für Detail abtastet.)
Eine Digitalkamera mit klappbarem Display kann ein guter Lichtschachtersatz sein. Und mittlerweile gibt es ja auch im Spiegelreflexbereich etliche Kameras mit Liveview, einer ständigen Wiedergabe des durch das Objektiv gesehenen Bereiches auf dem Display.
Für Brillenträger ist es bei vielen Kleinbild-Spiegelreflexkameras nahezu unmöglich, den gesamten Sucher bis in die Ecken zu sehen. Auch das führt zu mittenzentrierten Bildern. (Sollten Sie davon betroffen sein, hilft Ihnen vielleicht eine Anpassung der Dioptrieneinstellung des Suchers, so dass Sie ohne Brille in den Sucher blicken können. Sollte das nicht möglich sein, können sie ihn evtl. mit Vorsatzlinsen anpassen.)
Abgesehen von den Bemerkungen auf den vorangegangen Seiten zu der Problematik der Bildunterteilung und dem „Goldenen Schnitt“ oder der „Drittel-Regel“, macht sich diese Mittenzentrierung vieler Bilder nun gerade bei den Aufnahmen von Menschen oft auch inhaltlich negativ bemerkbar. Das Gesicht, das oft das Wichtigste für den Fotografen ist, nimmt „natürlich“ den zentralen Platz, die Bildmitte, ein. Leider ist es aber beim Menschen nicht am zentralen Platz untergebracht.
Das Gesicht befindet sich nun einmal an dem einen Ende des Körpers, dem Kopf, und wenn Sie diesen zur Bildmitte machen, passiert zweierlei: Erstens verschwindet oft das andere Körperende, die Füße, aus dem Bild, und zweitens ist die obere Bildhälfte meist „leer“ bzw. besteht aus unwichtigem Himmel oder ebenso unwichtiger Tapete.
Natürlich kann diese Mittenzentrierung auch ein Gestaltungsmittel sein, aber in den meisten Fällen stellt sie einen Fehler dar, der die Bilder, vor allem wenn er öfter auftaucht, recht langweilig macht. (Sehen Sie einmal darauf hin Ihr Fotoalbum durch Â…)



Zu mittig
Der klassische „Fehler“. Das Gesicht ist in der Bildmitte, die Beine sind abgeschnitten, und die obere Hälfte des Bildes besteht aus mehr oder weniger uninteressantem Himmel. Nun könnten Sie natürlich, um den Kopf aus der Bildmitte zu befördern, die Kamera nach unten neigen. Leider wird das Bild da durch, vor allem mit Weitwinkelobjektiven aus kürzerer Distanz, nicht besser.



Schräg nach unten
Nahes ist groß, Entferntes ist klein. Der Kopf wird also, da nah, relativ größer abgebildet, die Füße, da relativ fern, dagegen kleiner. Das sind stürzende Linien, wie sie auch auftreten, wenn Sie ein Gebäude mit nach oben gerichteter Kamera fotografieren. Nur, dass die Linien jetzt in die andere Richtung, nach unten, zusammenlaufen. Die Person bekommt so kleine Füße und dadurch einen etwas „wackeligen“ Stand.
Sie scheint nach vorne zu kippen, und die Proportionen stimmen nicht mehr.



Naja ...
Gerade mit Weitwinkelobjektiven und/oder aus kürzeren Abständen ist es besser, wenn man etwas in die Knie geht. Dann bleibt die Person gerade im Bild stehen. Allerdings haben Sie immer noch ein mittenzentriertes Bild: Das Gesicht ist zwar nicht mehr in der horizontalen Linie in der Mitte, aber es liegt in der vertikalen immer noch zu mittig, so wie die ganze Person.
Wenn Sie allerdings Ihren Ausschnitt etwas nach rechts oder links schieben, kommt mehr Spannung auf. Sie können den Menschen nun auch in Bezug zu anderen Objekten setzen.



So?
Meist wirken solche Bilder deutlich spannender als die ewig gleichen, mittenorientierten Aufnahmen, die zuhauf auf den Internetseiten und in den Fotoalben zu sehen sind.
Berücksichtigen Sie bitte auch die Wahl des Aufnahmeformats. Natürlich passt ein Mensch hervorragend ins Hochformat, aber das Hochformat an sich ist für unsere Wahrnehmung etwas Ungewöhnliches. Und deshalb sollte man es vorsichtig und gezielt einsetzen.



Das Querformat ist in diesem Fall spannender.
Meist sehen wir die Welt im Querformat. Mit diesem Querformat fahren Sie auch in der Fotografie oft besser.

Von der Mitte an den Rand
Ebenfalls mit den Suchersystemen hängt ein zweites Problem zusammen. Es fällt schwer, die Bildränder im Sucher zu beurteilen. Gerade derjenige, der noch Probleme mit der Technik hat, vergisst den prüfenden Blick auf die Bildecken. Und manche Brillenträger haben da auch so ihre Probleme.
Das führt dann leider oft zu „leeren Ecken“, besonders im oberen Bildbereich. Gerade bei Landschaftsaufnahmen kann das vorkommen und stören.

Die Bildecken müssen zwar nicht komplett geschlossen sein, aber oft tut es den Bildern gut, wenn die Ecken nicht leer sind. Falls im Motiv keine passenden Randdetails zu finden sind, muss man sich anders behelfen. Manche Fotografen dunkeln dazu bei der Ausarbeitung die Bildecken nachträglich noch ein wenig ab, indem sie die Ecken nachbelichten (in der Dunkelkammer) oder per Bildbearbeitung auswählen und abdunkeln (vignettieren). Durch diese subtile Abdunklung wirkt das Bild ebenfalls in sich abgeschlossen.

Woran es genau liegt, weiß ich nicht, aber die meisten Menschen scheinen es vorzuziehen, dass die Bildränder und vor allem die Ecken geschlossen sind .
Vielleicht ist das ja ein Überbleibsel der Zeit, als wir in Höhlen wohnten und zum Abschluss unseres Tages als Jäger und Sammler noch einen Blick nach draußen warfen. Das, was wir sahen, war eingerahmt vom Eingang zu unserer Behausung. Und uns ging es gut, hinter uns prasselte das wärmende Feuer, und wir waren geschützt.
Geschloßene Bildecken

Ob es nun daran liegt oder nicht: Wenn die Ränder geschlossen sind, empfinden die meisten Menschen ein Bild als harmonischer. Wollen Sie also ein harmonisches Bild, so versuchen Sie doch, durch eine Standortveränderung die Bildränder zu schließen. Und wenn Sie schon dabei sind, achten Sie auch auf den Vordergrund im Bild.
Auch er bringt Ruhe und Harmonie. Eine Staffelung des Bildes in Vorder-, Mittel- und Hintergrund lässt das Bild für den Betrachter angenehmer wirken. Aber Vorsicht, mit diesen Mitteln bewegen Sie sich schnell am Rande des Postkartenkitsches. Es gibt Motive, die das überhaupt nicht vertragen.

Die Aufnahmehöhe
Nur durch eine geänderte Aufnahmehöhe wird aus einem Haufen Steine auf einmal ein Bild. Für solche niedrigen Standpunkte sind Digitalkameras mit abklappbarem Sucherdisplay hervorragend geeignet.

Erst durch eine passende (niedrige) Aufnahmehöhe kann man dieses Motiv richtig erkennen.


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Die Richtung
Im oberen Bild auf der nächsten Seite folgt der Betrachter, unterstützt durch die Zeigewirkung des Baumstammes, der Diagonale des Berghangs zum rechten Bildrand. Auf diese Art ist er schnell fertig mit dem Bild und wendet sich dem nächsten zu. Im unteren Bild dagegen muss er die Diagonale nach rechts „hinaufgehen“, da ist er langsamer. Und der Baum zeigt jetzt auf einmal entgegen der Leserichtung in das Bild hinein. Der Betrachter bleibt länger im Bild und achtet auch auf Details etc. (Das untere Bild ist übrigens das Original.)

Der Horizont


Je nachdem, wo im Bild der Horizont liegt, bekommt ein Bild eine ganz unterschiedliche Aussage. Während im rechten Bild der Weg dominiert und man quasi zum Strand mitgeht, bleibt man links stehen und betrachtet den strahlend blauen Himmel.