Wie kann man Fotos gestalten?

Wahrnehmung

Kurzfassung

Unsere Wahrnehmung veranlasst uns oft, Sachen zu übersehen oder verfälscht wahrzunehmen. Gerade bei der Reduzierung der Realität auf das Fotografierbare, so wie es durch Fotos vorgenommen wird, kann es dadurch zu Gestaltungsproblemen kommen.

Ausführlich:

Vorab:
Ich werde auch in diesem Bereich überwiegend Zeichnungen einsetzen. Einer der Gründe dafür ist, dass ich Sie motivieren möchte, selber nach möglichen Motiven für Beispielfotos Ausschau zu halten. Beim Produzieren Ihrer eigenen Bildbeispiele kann Ihnen auch das Kapitel „Testaufgabe“ helfen.
Meiner Erfahrung nach lernt man am besten, wenn man den Stoff in der Praxis untersucht. Also nehmen Sie sich einen Stapel alte Illustrierte, Ihre Fotoalben oder Bildbände und suchen Sie nach passenden Bildbeispielen. Und vor allen Dingen auch nach unpassenden, also gegen die Regeln fotografierten und trotzdem guten Bildern. In dieser Auseinandersetzung mit bereits vorhandenem eigenem und fremdem Bildmaterial kann man, so meine Erfahrung, am meisten für die Gestaltung lernen. Die Grundfrage dabei ist immer: „Warum so und nicht anders?“
Anmerkung

Spiegelei
Wenn Sie mit einem Bild unzufrieden sind, betrachten Sie es doch einmal spiegelverkehrt. Und wenn Ihnen ein Bild besonders gut gefällt, sollten Sie es einmal testweise auf den Kopf drehen. Eine gute Komposition wirkt meist auch dann.
Damit Sie einige Ansatzpunkte haben, diese Frage zu beantworten, werde ich auch hier auf einzelne Punkte eingehen, die Sie bei Ihren Überlegungen berücksichtigen sollten.

01

Wie schon zu Beginn dieses Kapitels bemerkt, geht es mir dabei nicht um Kunst, sondern eher um die Vermittlung von grundsätzlichen Überlegungen und kleinen gestalterischen Kniffen, die helfen, die Bilder interessanter zu machen und die Botschaft so „an den Mann zu bringen“.
Ich bitte Sie aber dringend, zu bedenken, dass ein bewusster Verstoß gegen die „Regeln“ der Gestaltung oft die besten bzw. interessantesten Bilder bringt.
Während eine zu glatte und saubere Gestaltung häufig langweilt, wird bei solchen Brüchen der Betrachter bewusst irritiert und in seiner Wahrnehmung verunsichert, so dass er sich länger mit den Bildern auseinandersetzt.
Doch bevor man die Regeln bewusst verletzen kann, muss man sie kennenlernen.

Wahrnehmung kontra Abbildung
Viele Gestaltungsprobleme sind in erster Linie auf die Unterschiede zwischen Wahrnehmung (durch den Fotografen) und Abbildung (auf dem Film/Sensor) begründet.
Das Foto gibt ja nicht die Wirklichkeit wieder, sondern es stellt eine Abstraktion der Wirklichkeit dar. Alles, was an Ort und Stelle wahrgenommen werden kann, wird beim Foto auf die zwei Dimensionen der Fläche des stehenden Bildes reduziert.
Und da auf der anderen Seite die Wahrnehmung des Menschen nicht unbedingt viel mit Wirklichkeit zu tun hat (es ist ja nur eine Annahme, dass es wahr ist) und auch das Foto nur einen winzigen Ausschnitt aus dieser Wirklichkeit zeigen kann, ist es wichtig, immer abzuwägen,
  • was man selber wahrnimmt,
  • was der Inhalt des Bildes sein soll und
  • wie man diesen Inhalt wem darstellen will.

Die Wahrnehmung und die Realität
Sehr häufig befindet man sich in der Situation, dass man etwas sieht (besser: wahrnimmt) und es genau so fotografieren möchte. Das ist viel schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheint, denn die Kamera kann ja „nur“ das fotografieren, was sich vor dem Objektiv befindet.
Doch das ist nur ein Teil unserer Wahrnehmung der Situation. Leider ist es den wenigsten Leuten in die Wiege gelegt, zwischen Wahrnehmung und dem tatsächlich (nur) Sichtbaren zu unterscheiden.
Das unserer Wahrnehmung zugrunde liegende Modell von Wirklichkeit funktioniert nämlich, obwohl es oft mit der Realität wenig zu tun hat, nahezu perfekt. Deshalb bemerkt kaum jemand die Unterschiede zwischen der Realität und dem Wahrgenommenen.
Doch der Fotoapparat bringt es dann an den Tag. Die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität liegt in erster Linie an der Korrektur der visuellen Eindrücke durch unsere Wahrnehmung.

Einige Beispiele:
Wenn wir in die Ferne laufende parallele Linien sehen, so scheinen sie sich in der Ferne zu treffen. Während solche Linien in der Horizontalen (Eisenbahngleise) für den Betrachter zusammenlaufen, erscheinen parallele senkrechte Linien (an Häusern z. B.) uns weiterhin parallel, auch wenn wir ihrem Verlauf nach oben mit den Augen folgen.

Den Schienen schadet es nicht, doch das Gebäude sieht durch die (perspektivisch richtig) fluchtenden parallelen Linien arg windschief aus.

Unser Gleichgewichtssinn vermittelt uns die Lage unseres Kopfes, und unsere Wahrnehmung „verrechnet“ das Bild dagegen. Das hilft uns zwar bei der räumlichen Orientierung, doch müssen wir es auch beim Fotografieren berücksichtigen, sonst ist die Enttäuschung nachher groß.
Beim Betrachten des Bildes ist der Kopf ja in der Regel wieder in der waagerechten Lage, also kann unser Gleichgewichtssinn uns nicht veranlassen, den visuellen Eindruck zu korrigieren. s.a. stürzende Linien

Auch auf Farben reagiert unsere Wahrnehmung nicht immer realistisch. Grün sehen wir z. B. in der Regel heller, als es eigentlich ist. Das liegt wohl in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit begründet. Grün war immer sehr wichtig, denn es bedeutet Pflanzen, und wo Pflanzen sind, ist eben auch Wasser und Nahrung.
Das ist dem Film natürlich völlig egal, er sieht das Grün nur in seiner tatsächlichen Helligkeit. Das führt leider in der Schwarzweißfotografie zu enttäuschend dunkler Wiedergabe von pflanzlichem Grün. Glücklicherweise kann man das durch Filter (Gelb- oder Grünfilter) ausgleichen.

Illustration Illustration
Welche Linie ist länger?
Beide sind gleich lang!
Sehen Sie die "dunklen“ Stellen an den Kreuzungen der weißen Linien?

Natürlich gehören auch die optischen Täuschungen in den Bereich der Wahrnehmungsprobleme bzw. -phänomene. Doch fotografisch bzw. gestalterisch relevant sind eher die schon erwähnten Verrechnungen(!) des tatsächlich Gesehenen zum Wahrgenommenen. So sehen wir zum Beispiel ungewöhnliche und wichtige Dinge größer, als sie tatsächlich (im Vergleich zu anderen Dingen) sind. Die Wahrnehmung konzentriert sich auf diese Dinge und hebt sie hervor.
Überlegen Sie doch jetzt einmal, wie groß die untergehende Sonne (ein außergewöhnliches und wichtiges Ding) im Vergleich zu einem an der ausgestreckten Hand gehaltenen Geldstück ist. Überprüfen Sie das bei Gelegenheit mal mit den wirklichen Größenverhältnissen. Danach verstehen Sie sicherlich, warum fotografierte Sonnenuntergänge (gerade wenn auf 10 x 15 cm vergrößert) oft nicht wirken. Auf dem Foto wird die Sonne eben nur realistisch wiedergegeben.

Wenn aber die Sonne „vergrößert“ wird, stimmt es wieder. Durch eine geschickte Wahl von Aufnahmestandpunkt und Brennweite und einen guten Bildaufbau kann man eine solche scheinbare Vergrößerung herbeiführen. Man nehme dazu ein (starkes) Teleobjektiv und ein interessantes Vordergrundobjekt in einigem Abstand (z. B. einen Baum).
Wenn nun der Baum mit dem Teleobjektiv fotografiert wird, scheint die Sonne im Verhältnis zu ihm viel größer zu sein, als wenn der Baum aus kurzem Abstand mit einem Weitwinkel fotografiert wird. Tatsächlich ist aber nicht der Hintergrund „gewachsen“, sondern der Vordergrund durch die vergrößerte Entfernung geschrumpft. Der Brennweitenwechsel (Tele) hat dann die Größe des Vordergrundes wieder auf das ursprüngliche Maß gebracht. Und da die Sonne dabei mit vergrößert wurde, wirkt sie nun im Verhältnis zum Baum größer.

In diesem Bilderpaar ist es ganz ähnlich wie in dem Besipiel mit Sonne und Baum. Durch eine unterschiedliche Aufnahementfernung und eine daran angepasste Brennweite bleibt das Vordergundobjekt gleich groß, während sich der Hintergerund verändert.


(Weitere Erläuterungen zu diesen Zusammenhängen finden Sie im Kapitel Das Objektiv", weitere Beispielbilder sind auch unter "Die fototechnischen Gestaltungsmittel" zu sehen.)

01


Vor der Einführung der Zentralperspektive in der Malerei wurden durch Größenunterschiede in den Bildern nicht reale Größe und Entfernung miteinander verrechnet, sondern die Bedeutungsunterschiede dargestellt. Der Fürst wurde dann einfach viel größer abgebildet als das gemeine Volk. (Analog wurde in der Zigarettenwerbung für einige Anzeigen mit „Dummys“ gearbeitet, die zwar aussahen wie Zigaretten, aber viel größer waren.)
Für den Fotoapparat gibt es aber keine „wichtigen“ oder „ungewöhnlichen“ Objekte. Er „sieht“ die Sachen in Relation zueinander so groß, wie sie tatsächlich sind. Und wenn wir hinterher die Abbildungen betrachten, funktioniert die „Vergrößerung“ nicht mehr, denn wir sehen ja nur ein Bild des „wichtigen“ Objekts.
Unserer Wahrnehmung der Realität und der Abbilder dieser Realität basiert aber nicht nur auf Verrechnungen. Auch unsere Erwartungen (die unter anderem auf unserer Erinnerung an Geschehenes aufbauen) an die Realität (und ihr Abbild) wirken sich natürlich in der Bildwahrnehmung aus.

Die Erinnerung fordert ihr Recht
Die Wahrnehmung berücksichtigt das bereits Erfahrene. So wirkt ein auf der Spitze stehendes Dreieck halt instabil, ja, es wackelt förmlich, weil wir aus der Erfahrung wissen, dass so etwas schnell kippen kann.
Wenn wir nun etwas darstellen oder ablichten wollen, das auf den Betrachter stabil wirken soll, wäre es nicht sehr klug, es in einem auf der Spitze stehenden Dreieck abzubilden.

Illustration Illustration
Welches Dreieck steht stabiler?

Ein Kreis an einer Diagonale scheint als Kugel oder Rad den Berg hinunter- oder hinaufzurollen. Ob rauf oder runter, ist meist abhängig von der Richtung der Diagonale (s. Abb. nächste Seite) Die Bewegungsrichtung ist, wenn nicht anders im Bild definiert, für die meisten Menschen von links nach rechts.

Illustration Illustration
Welche Kugel rollt wohin? Rauf oder runter?

Im linken Bild rollt die Kugel also scheinbar bergauf. (Das trifft aber in diesem Beispiel nicht auf alle Betrachter zu, manche sehen, wohl durch die steile Diagonale bedingt, die Kugel abwärts rollen.) Im rechten Bild ist dann aber wohl für alle klar: Die Kugel rollt bergab nach rechts. Und sie ist schnell.

Diagonalen im Bild geben also oft eine Bewegungsrichtung vor. Normalerweise tasten Betrachter ein Bild von links nach rechts ab, angeblich auch in Gegenden, wo dies nicht die Leserichtung ist. Und wenn dann eine Diagonale im Bild ist, wird durch die Betrachtungsrichtung diese Linie eine Dynamik entwickeln.

Illustration Illustration
Während die Kugel auf dem ersten Bild nach hinten rechts rollt, scheint sie auf dem zweiten Bild nach vorne rechts zu rollen.

Wenn wir Ruhe im Bild haben wollen, sollten wir starke Diagonalen als Hauptbildelemente meiden. Umgekehrt wird durch eine geschickt platzierte Diagonale ein Eindruck von Geschwindigkeit hervorgerufen, auch wenn das Bild bzw. sein Inhalt an sich statisch ist.
Eine eingefrorene Bewegung scheint stillzustehen, da wir gerade schnelle Bewegungen mit bloßem Auge eigentlich nur verwischt wahrnehmen können. (Wenn Sie die Testaufgaben bereits fotografiert haben, haben Sie ja schon Bildbeispiele für die unterschiedliche Darstellung von Bewegung. Sonst fotografieren Sie doch einfach mal ein mit 30 km/h fahrendes Auto seitlich aus etwa 5 m Entfernung mit 1/8 bis 1/30 Sekunde. Und machen Sie dann die gleiche Aufnahme mit 1/1000 Sekunde.)
Bewegungsunschärfen können, wenn sie auch oft unerwünscht sind, ein wichtiges Element der Bildgestaltung sein. Selbst Verwackler sind bisweilen nützliche Gestaltungselemente. Geschickt eingesetzt, steigern sie die Glaubwürdigkeit eines Bildes durchaus.

Durch unsere Wahrnehmung sind wir gewohnt, dass weit entfernte Dinge kontrastärmer und meist etwas bläulich verfärbt erscheinen (Fernbilder, z. B. in den Bergen, Luftperspektive). Wenn Sie also ein Bild zum Beispiel mit Filtern so bearbeiten, als liege ein blassblauer Schleier darüber, wird es den Eindruck machen, aus größerer Distanz fotografiert zu sein.

Alle diese Erinnerungen an bereits Erlebtes wirken auf unsere Wahrnehmung ein und steuern sie. Wir erwarten ein bestimmtes Verhalten von der Welt, und dieses wird auch beim Betrachten von Bildern vorausgesetzt. Deshalb irritiert uns beispielsweise eine schräg im Bild liegende Horizontlinie.
So etwas kennen wir aus unserer Wahrnehmung nicht.
Wenn in unserer Realität der Horizont schief liegt, dann deshalb, weil wir den Kopf schief gelegt haben. Und dann meldet uns eben unser Gleichgewichtssinn schon den Grund des schiefen Horizonts.
Wenn die Informationen des Gleichgewichtssinnes nicht mehr mit dem übereinstimmen, was unsere Augen an das Sehzentrum vermitteln, dann ist oder wird uns schwindelig. Und ein ähnliches Gefühl ruft ein schiefer Horizont in einem Bild hervor.
Auch sehr kleine Abweichungen (nur etwas schief), die man nicht bewusst wahrnimmt, können stark stören. Wenn dagegen alles kräftig schief ist, haben die Zuschauer keine allzu großen Probleme, doch wird das Bild dann immer stärker nur zum Bild – dem Betrachter wird klar, dass es sich um eine umgesetzte, interpretierte Realität handelt. Das Bild wird künstlich.
Doch nicht nur die Horizontlinie ist wichtig. Andere Linien haben ebenfalls ihre Bedeutung im Bild, auch wenn man sie oft gar nicht direkt sieht. Die Wahrnehmung versucht, die visuellen Eindrücke zu ordnen. So werden Linien und damit auch Flächen erkannt, wo gar keine sind. Räumliche Bezüge werden hergestellt und Größen zueinander in Relation gesetzt.

Sehen Sie das weiße Dreieck?

Die meisten Betrachter werden auf diesem Bild drei Kugeln oder Kreise wahrnehmen, vor denen zwei Dreiecke liegen. Doch eigentlich kann man nur drei 60°-Winkel aus schwarzen Linien und drei schwarze Kreisteilstücke sehen. Alles andere ist „nur wahrgenommen“.
Diese imaginären Linien und Flächen werden oft zwischen gleichen Bildteilen gezogen oder gebildet. Ob diese nun gleich sind vom Inhalt oder nur von der Farbe oder der Helligkeit her, spielt dabei keine allzu große Rolle.

01

Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn Sie ein Foto einer glücklichen dreiköpfigen Familie machen wollen, ist es nicht so gut, wenn die Eltern das Kind in die Mitte nehmen.
Der Kopf des Kindes ist dann tiefer als die Köpfe der Eltern, und wenn man die Gesichter der Eltern (außen und oben) mit dem Gesicht des Kindes (Mitte und unten) verbindet, ergibt sich ein auf der Spitze stehendes Dreieck. Die Familie wirkt dadurch „instabil“(zum Glück wird das Dreieck aber von den Körpern der Eltern gestützt.)
Durch eine Umgruppierung der Personen können wir einen zufriedenen glücklichen Eindruck erzeugen. Wenn der Vater seinen Sohn Huckepack nimmt, ruht das Dreieck auf der Basis. Die Gruppe macht einen geschlosseneren Eindruck.

Diese Linien und Formen sind zwar nicht selber sichtbar im Bild enthalten, aber die Wahrnehmung versucht ständig, die visuellen Eindrücke gerade mit solchen Linien/Formen/Flächen zu ordnen. Und das sollten wir, soweit möglich, bei der Bildgestaltung beachten.